Moreno: „Theorie und Geschichte der revolutionären Organisation“

 

Die Bedeutung der Organisation

 

Im allgemeinen erscheint das Problem der Organisation als etwas zweitrangiges, das wir zu unterschätzen neigen, und das gegenüber den anderen Fragen verblasst, seien es „philosophische“ Themen – wie die Dialektik oder die Entfremdungstheorie – seien es begeisternde Diskussionen über die wirtschaftliche oder politische Lage wie: „Was ist der Stand der imperialistischen Wirtschaft?“ „Gibt es in Argentinien oder Brasilien eine revolutionäre Lage?“ „Reine“ antibürokratische Listen oder Listen, um in den Gewerkschaftsgremien die Bürokraten zu schlagen?“ etc . Jedoch steht in gewisser Weise die Organisationsfrage im Mittelpunkt der revolutionär-marxistischen Tätigkeit.

 

So wie das Programm und die Politik auf die Frage antworten „welches sind die Aufgaben, Ziele oder Losungen, die heute die Massen in Richtung sozialistischer Revolution mobilisieren?“, antwortet das Organisationsproblem auf die Frage: „Welche Organisation schafft sich heute die Massenbewegung für den Kampf? Mit welcher Organisation wird die Arbeiterklasse die Macht erobern und ausüben? Wie organisiert sich die Partei, die sich vornimmt, den Kampf, die Revolution und die Arbeitermacht in jeder Etappe des Klassenkampfes zu führen?

 

Die Organisationsfrage ist so ausschlaggebend, dass entgegen der Meinung vieler die Russische Revolution und die Bolschewistische Partei nicht zwei, sondern drei große Führer hatten. Gemeinsam mit Lenin und Trotzki gab es auch Sverdlow, der Generalsekretär, der Organisator der Bolschewistischen Partei. An J.M. Sverdlow wird durch kein Traktat über Wirtschaft, Philosophie oder marxistische Politik erinnert. Niemand interessiert sich für die Herausgabe seiner Gesammelten Werke – soweit sie überhaupt existieren. Aber er war der beliebteste und respektierteste Mann der Bolschewistischen Partei. Er war so großartig, dass er nach seinem Tod durch vier der besten bolschewistischen Führer ersetzt wurde und die vier scheiterten: sie waren der Aufgabe nicht gewachsen.

 

Lenin, der weder Demagogie zu treiben pflegte noch Lobreden hielt, bezeichnete ihn bei seiner Beerdigung als „der proletarische Führer, der am meisten für die Organisierung der Arbeiterklasse und für ihren Sieg machte“. Und bei einer Erinnerungsrede am 18.3.1919 begründete er diese Worte: „Für den der die Dinge oberflächlich beurteilt hebt sich besonders ein Merkmal der Revolution hervor, das sich in energischer, kräftiger und unversöhnlicher Abrechnung mit den Ausbeutern und Feinden des arbeitenden Volkes ausgedrückt hat. Ohne Zweifel hätte das Proletariat ohne dieses Merkmal – ohne revolutionäre Gewalt – nicht gesiegt, aber es ist auch unzweifelhaft, dass die revolutionäre Gewalt nur eine notwendige und legitime Methode der Revolution in bestimmten Momenten ihrer Entwicklung ist, nur dann wenn spezielle und bestimmte Bedingungen herrschen. Aber eine viel tiefere und permanente Qualität dieser Revolution, die Bedingung für ihren Sieg, ist und wird immer sein die Organisierung der proletarischen Massen, die Organisierung der Arbeiter. Diese Organisierung von Millionen Arbeitern ist tatsächlich die wichtigste Bedingung der Revolution, die tiefste Quelle ihres Sieges…“ (Gesammelte Werke, Bd. 29, S. 83)

 

Für Lenin ist die Organisation eine „viel tiefere und permanente Qualität“ der Revolution als die revolutionäre Gewalt. Will heißen, an einem Pol ist die Aktion, die Bewegung, der Kampf, die Spontaneität der Massen. Am anderen ist die Organisation, die diese Aktionen oder Mobilisierungen strukturiert, ihnen Kontinuität und Dauerhaftigkeit verleiht. Ohne große Kämpfe und Mobilisierungen gibt es keine Revolution. Aber ohne Organisation gibt es sie genauso wenig: die Kämpfe lösen sich auf, die heroischen Aktionen der Massen gehen verloren…

 

Das geht soweit, dass die Partei nicht ausschließlich Losungen benutzt, die zum Kampf aufrufen und für ihn ein Ziel festlegen, sondern auch organisatorische. Jetzt z.B. agitieren wir das Ziel des Kampfes: die Lohnerhöhung; Wir rufen zu einer konkreten Kampfform oder -methode auf: den Generalstreik; und auch agitieren wir, wie dieser Kampf zu organisieren ist: Fabrikversammlung, Wahl von Delegierten, Streikposten etc.

 

Das Organisationsproblem ist sehr schwierig, sehr komplex, weil es in sich einen Widerspruch einschließt, der manchmal sehr scharf werden kann. Jede Organisation oder Struktur ist konservativ, gerade weil sie dazu neigt zu verhindern, dass das Existierende verschwindet, sich selbst zerstört. Aber gleichzeitig braucht und schafft sich die Arbeiterklasse revolutionäre Organisationen, um gegen die Bourgeoisie zu kämpfen und sie zu schlagen, also das kapitalistische System zu zerstören.

 

Die argentinischen Arbeiter Z.B. erreichten große und mächtige Gewerkschaftsorganisationen, mit denen sie ihren Lebensstandard verteidigen konnte; dies über viele Jahre, bis die Krise es in der letzten Dekade unmöglich machte. Aber diese Organisation hatte und hat ein fürchterlich konservatives Gewicht im argentinischen Proletariat, das erlaubt, dass an ihrer Spitze Elemente der extremen Rechten stehen, die peronistische Bürokratie, und bis zum Augenblick steht nicht im geringsten eine revolutionäre Führung in diesen Gewerkschaften an, und viel weniger eine revolutionäre Arbeiterpartei.

 

Gerade aufgrund dieses Widerspruchs ist die organisatorische Frage so schwierig. Wenn eine revolutionäre Partei tatsächlich die Führung der Massenbewegung werden sollte, verwandelt sie sich in das Problem der Probleme: Welche organisatorische Beziehung etabliert sich zwischen der Partei und den Massen?

 

Die Räte sind eine Organisationsform der Massenbewegung. Sie regieren mit einer guten oder schlechten Politik. Die Politik ist sehr wichtig, aber ohne Sowjets hätte es keine Machteroberung geben können, wäre die Politik der Bolschewiki auch noch so gut gewesen. Sie sind die Armee, die organisiert die großen Massen für die Machteroberung und -ausübung mobilisieren. Aber gleichzeitig gibt es die Partei, die der Generalstab dieser Armee ist, der die kämpferischste und bewussteste Vorhut umfasst. Und dies wirft ein zweites Problem auf: Welche organisatorische Form muss die Partei haben, um leiten zu können und eine immer engere Beziehung mit den Sowjets und den Massen zu entwickeln, die in ihnen sind?

 

Das erste Problem, das der Organisation der Massen, ist in gewisser Weise leichter als das zweite. Die Partei kann organisatorische Formen für die Massen weder erfinden noch sie ihnen aufsetzen. Sie selbst schaffen sie.

 

Die große Kunst der Partei besteht darin, sie zu entdecken, wenn die ersten Symptome auftauchen und dafür zu agitieren, dass sie sich verallgemeinern. Oder wenn sie nicht auftauchen, den Massen geduldig eine Organisationsform zu empfehlen, die der Lage und der historischen Erfahrung entspricht. So konnten wir 1975 die Losung der Koordination ausgeben und uns dabei auf die historische Erfahrung der Fabrikkoordinationen stützen, die 20 Jahre zuvor entstanden waren. Oder heute die Losung der Milizen der COB und der Bauernzentrale in Bolivien ausgeben und dass beide Organisationen der Massen die Macht ergreifen sollen, uns hierbei auf die Lehren der Revolution von 1952 stützend.

 

Das Problem der Organisation der Partei hingegen liegt in unseren Händen. Die Massen können Muster an Heldentum hervorbringen und wunderbare revolutionäre Organisationen schaffen, um die Macht zu erobern. Aber wenn wir nicht mit unserer eigenen Organisationsform zutreffen, die uns erlaubt, den Generalstab dieser Kämpfe und Organisationen aufzubauen, wenn wir es nicht schaffen, den Einfluss und die Sympathie, die unsere Politik und Programm unter den Massen hervorrufen, stark zu organisieren, mit eisernem Klammem zu strukturieren, dann sind wir und die Revolution verloren. Hier ist das Beispiel Bolivien: revolutionärer Kampf gab es im Überfluss; Organisierung der Massen für die Machteroberung gab es reichlich, ebenso Programm… aber es fehlt die Partei als organische Struktur mit stark im Schoß der revolutionären Massen verankerten Wurzeln. Dies ist das große Problem, die Frage auf Leben und Tod, die in Bolivien gelöst werden muss. Und auch in Argentinien, obwohl wir von einer qualitativ höheren Stufe unserer Partei und einem langsameren revolutionären Rhythmus der objektiven Wirklichkeit ausgehen.

 

Die Änderung in den Massenorganisationen

 

Die Arbeiter- und Massenbewegung ändern ständig ihre organisatorischen Formen. Es gibt Änderungen, die mit langen historischen Etappen zusammenhängen und strukturelle Veränderungen der Arbeiterklasse ausdrücken. Z.B. spiegeln die Berufsgewerkschaften einen Sektor der Arbeiterklasse wider, spezialisiert und aufgrund ihres sozialen und produktiven Lebens dem Handwerkertum näher als die moderne, hochkonzentrierte Industriearbeiterklasse. Die Industrie- und Branchengewerkschaften spiegeln mehr letztere wider.

 

Andererseits gibt es Änderungen, die mehr mit der konkreten Lage des Klassenkampfes zu tun haben.

 

Wenn es einen Rückgang der Arbeiterklasse gibt, zieht diese sich in defensive Organisationen, die Gewerkschaften, zurück. In Momenten extremer Niederlage kann dies bis zur Organisierung in Versicherungsvereinen oder Genossenschaften gehen. Aber wenn ein revolutionärer Aufschwung entsteht, tauchen früher oder später Organisationsformen der Machtausübung auf, wie die russischen Sowjets, die chilenischen „cordones industriales“ oder die Gewerkschaften selbst verändern ihren Charakter und verwandeln sich in Machtorgane wie die bolivianische COB. Parallel organisiert die Klasse Milizen.

 

Auch haben wir von den Bauern durchgeführte Revolutionen gesehen, wie die chinesische, die vietnamesische oder die kubanische, in denen andere Massenorganisationen auftauchten: die Guerillaarmeen.

 

Das gleiche passiert in einer Fabrik. Normalerweise ist die Arbeiterklasse über die Betriebsräte und die Vertrauensleute organisiert. Aber wenn es eine starke interne Unterdrückung gibt, sei es seitens der Unternehmer oder der Gewerkschaftsbürokratie, organisiert sie sich gelegentlich sogar in Fußballclubs. Wenn keine Kämpfe stattfinden, werden die Betriebsversammlungen nur sehr selten oder schlicht gar nicht abgehalten. Aber wenn es Kämpfe gibt oder sie vorbereitet werden, verwandelt sich die Versammlung in das organisatorische Hauptwerkzeug der Gesamtheit der Arbeiter. Wenn der Kampf ausbricht tauchen die Streikkomitees auf, die häufig sehr anders zusammengesetzt sind als die ständige und legale Führung: Die anerkannten Vertreter. Auch erscheinen die Streikposten und wie jetzt in unserem Land häufig, die „Volksküchen“, die eine Kombination von Streikposten mit Basisversamm1ung darstellen.

 

Es ist unmöglich auch nur zu versuchen, den enormen Reichtum an Organisationsformen zu erfassen, den sich die Arbeiter- und Massenbewegung im Lauf der Zeit geschaffen hat und hervorbringt. Aber was sehr wohl deutlich wird, ist dass entgegen den Behauptungen der verschiedenen Bürokratien – von den peronistischen Gewerkschaften bis zur KP – die Arbeiterklasse nicht endgültig in einer festen Organisationsform eingezwängt ist (die bürokratischen Gewerkschafte, die bürokratischen „Sowjets“). Stattdessen ändert sie selbst ihre Organisationsformen entsprechend den sich ändernden Etappen des Klassenkampfes und dem Auftauchen neuer Notwendigkeiten.

 

Die Änderung in der Organisation der revolutionären sozialistischen Partei

 

Vor allem seitens des Stalinismus wurde der Fetischismus entwickelt, dass die revolutionär-sozialistische Organisationsform eine einzige, feste und unveränderliche sei: die Organisierung in Form von kleinen Zellen. Wir armen Trotzkisten, die jahrzehntelang isoliert überlebten und sahen, dass die Jahre vergingen und unsere Organisation weiterhin klein blieb, sind selbst Opfer dieses Fetischismus geworden. Und noch immer haben wir nicht vollständig mit ihm gebrochen. Wir glauben weiterhin, dass der revolutionäre Sozialismus eine permanente, fast immer gleiche Organisationsform sei.

 

In Wirklichkeit ist er das Gegenteil. Die revolutionär-sozialistische Partei ist hart im Programm und den Prinzipien. Aber für den Marxismus gibt es nichts rigides und endgültiges. Noch weniger kann es die Partei der permanenten Revolution sein. Deshalb ist die revolutionäre Partei höchst flexibel in dem Moment, wenn es darum geht, das Programm und die Prinzipien in konkrete Strategien, Taktiken, Losungen und Politik umzusetzen, um der aktuellen Lage im Klassenkampf zu entsprechen. Immer wenn es eine Veränderung in der objektiven Lage gibt, ändert die Partei ihre Losungen, Politik, Taktiken und Strategien… und auch ihre Organisationsformen. Hierin beruht das wahre Wesen der revolutionär-sozialistischen Organisationsform: die Änderung, die Anpassung an die Realität des Klassenkampfes und an die Aufgaben und Ziele, die sich die Partei in jeder Etappe setzt.

 

Die Änderungen in der Organisationsform der Partei werden durch die Kombination von zwei grundlegenden Faktoren bestimmt: die Lage des Klassenkampfes und die Lage oder der Entwicklungsgrad der Partei selbst.

 

Es ist offensichtlich, dass die Organisationsstruktur der Partei in einer Etappe des Triumphs der Konterrevolution, unter einem faschistischen oder halbfaschistischen Regime nicht die gleiche sein kann wie in einer revolutionären Etappe. Die eine wäre eine geheime Untergrundorganisation, mit kleinen Zellen einer winzigen Vorhut, in denen nur vorher erprobte Militante teilnehmen können, die fest von der Partei ausgewählt sind. Die andere wäre offen, legal, mit zahlenstarken Versammlungen, wenn notwendig, an denen sich erst frisch der Partei angenäherte Genossen teilnehmen, deren Prozess der Gewinnung innerhalb der organischen Strukturen der Partei abgeschlossen würde.

 

Abgesehen von diesen groben Beispielen muss sich innerhalb einer Etappe die Parteistruktur anderen Prozessen objektiver, sozialer Art anpassen. Die Organisationsform ist nicht die gleiche, wenn Sektoren der Massenbewegung sich schnell nach links entwickeln, als wenn, wie es häufig in der ersten Etappe der Revolution passiert, dies ausbleibt und die Massen massiv dem Druck der „demokratischen Trunkenheit“ ausgesetzt sind und zu den reformistischen Parteien strömen. Im ersten Fall muss die Partei eine angemessene Organisationsform finden, um um sich herum diese Sektoren der Massen zu organisieren. Im zweiten Fall muss sie trotz der revolutionären Lage ihre Struktur als sogenannte „Avantgardepartei“ bewahren, will heißen von Militanten, die sich mehr oder minder schon entschieden haben, einen nicht unbeträchtlichen Teil ihres Lebens der revolutionären Militanz zu widmen.

 

Um nicht auszuufern, die Parteistruktur muss sich den nationalen Besonderheiten und hier vor allem denen der ausgebeuteten Klassen anpassen. Offensichtlich kann sie nicht die gleiche sein, um in den revolutionären Prozess in Nikaragua einzugreifen wie in Argentinien. In Nikaragua gab es unter Somoza praktisch keine Gewerkschaften. Die Gewerkschaften tauchten nach seinem Sturz massiv auf. Der revolutionäre Kampf entwickelte sich aus einer Kombination der Krieg zwischen Armeen und städtischen Aufständen, die geographisch organisiert waren, in den Stadtteilen. Offensichtlich musste der revolutionäre Sozialismus seine Organisation diesen nationalen Merkmalen anpassen. Deshalb musste die Brigade Simon Bolivar, und die revolutionäre Partei, wenn sie bestanden hätte, sich entlang der Volksstadtteile organisieren.

 

In Argentinien ist die Lage vollkommen anders. Die klassischen Organisationen der Massen sind seit fast einem Jahrhundert die Gewerkschaften. Innerhalb ihnen sind die fundamentalen Organisationen in den letzten 40 Jahren die Interne Kommission und der Vertrauenskörper. Die Partei organisiert sich in Funktion hierauf: Gruppen entlang der Betriebe, um um die Führung dieser Organismen der Massen zu kämpfen.

 

Schließlich muss die Partei manchmal, angesichts von Umständen, die für uns die Ausnahme sind, wie die Beteiligung an bürgerlichen Wahlprozessen, eine geographisch-stadtsteil orientierte Organisationsform annehmen. Dies kann sogar bei bestimmten Gelegenheiten die klassische strukturelle Verankerung ihrer Organismen (entlang Betrieben oder Studienplätzen und auch Stadtteile) auf die zweite Ebene verweisen.

 

Jedoch wird die Organisationsfrage qualitativ noch komplexer dadurch, dass ein zweiter Faktor hineinspielt: die Partei selbst. Schließlich stellen wir uns eine Aufgabe oder Ziel nicht nur als Antwort auf die Frage „was passiert im Klassenkampf?“, sondern auch „mit welcher Partei, mit welchen menschlichem Material -Leitung, mittlere Kader und Militanten – können wir in ihn eingreifen?“.

 

Sehr schematisch können wir drei Stadien in der Entwicklung einer Partei unterscheiden: der erste Gründungskern, häufig nur eine Handvoll Individuen, die Propagandapartei, die schon diese Etappe der Akkumulation von Kadern abgeschlossen hat und über einige hundert von ihnen verfügt, die Partei mit Masseneinfluss.

 

Eine entwickelte revolutionäre Lage, mit Abspaltungen von Sektoren der Massen von den reformistischen und bürokratischen Apparaten nach links stellt uns bereits vor die Möglichkeit, Masseneinfluss zu gewinnen, will heißen, mit der Politik der Partei Basissektoren der Massenbewegung mitzureißen. Aber offensichtlich wird unsere Organisationsstruktur nicht die gleiche sein, wenn die Partei aus einigen wenigen Individuen besteht, als wenn sie bereits einen gewissen Masseneinf1uß gewonnen hat.

 

Im letzteren Fall ist es eine Pflicht der Partei, auf alle Sektoren der Massenbewegung einzuwirken und ihre Organismen auf sie zu strukturieren (auch hierbei allerdings prioritär als Vorhut der Revolution zu profilieren, in Argentinien z.B. die Industriearbeiterklasse, in Bolivien die Berg- und Fabrikarbeiter Usw.).

 

Wenn wir hingegen wenig Genossen sind, ist der Versuch, sich in allen Sektoren zu strukturieren fatal, zerstört die Partei.

 

Im Gegenteil geht es dann darum, alle Genossen auf einen Sektor zu konzentrieren, um nicht die Kräfte zu zersplittern und so die Partei, ihre Organisationen und ihren Masseneinfluss in diesen Sektor zu bewaffnen. Es geht in einer solchen beschriebenen Situation, wenn wir eine kleine Gruppe sind, nicht darum, uns als „Propagandagruppe“ zu definieren und nicht mit allem in den revolutionären Kampf einzugreifen.

 

Worum es geht, ist die gleiche Aufgabe wie eine große Partei auf die gesamte Massenbewegung machen würde, lediglich auf einen Sektor von ihr konzentriert zu leisten, dem günstigsten für die schnelle organische Entwicklung und den politischen Einfluss der Partei. Auch wenn die Aufgabe die gleiche ist, ist die Organisationsform vollkommen verschieden. Aber wenn wir in der politischen Aufgabe richtig handeln, die Organisationsform jedoch verfehlen, laufen wir Gefahr zu verschwinden.

 

Auf einer anderen Ebene hängt die Organisationsform der Partei von etwas so Schlichtem wie dem Vorhandensein oder Fehlen von Kadern ab, die in der Lage sind, die Organismen aufzubauen und zu führen.

 

Dies war ein schwieriges Problem für uns, dessen Lösung Jahre beanspruchte. Wir versuchten alle möglichen Organisationsformen – in Gremien, Fabriken, Stadtteilen… – und alle 6 bis zwölf Monate zerfielen sie. Den Schlüssel lieferte uns ein französischer Basisgenosse, ohne großes theoretisches Niveau, der aber möglicherweise den Einfluss der Tradition widerspiegelte, die Trotzki während seines Aufenthalts in Frankreich hinterließ. Dieser Genosse fragte uns, wie viel Kader wir hätten, die fähig seien, einen Organismus zu leiten. Er riet uns, keinen Organismus zu bilden, sei es eine Zelle, eine Gewerkschaftsfraktion, eine Stadtteil- oder Theatergruppe oder was auch immer, wenn wir nicht über einen ihn zu leiten fähigen Kader verfugten. Ohne eine Leitung wird ein Organismus scheitern, sei er auf dem Papier noch so gut. Das Problem der vorhandenen Kader ist demnach ein entscheidendes Problem – in welcher Etappe des Klassenkampfes wir uns auch befinden mögen – um die organisatorische Form der Partei zu definieren.

 

Wir entschieden Z.B. während der Wahlkampagne um die 600 Lokale in den Arbeitervierteln der Randzonen zu eröffnen. Dies konnten wir uns vornehmen, weil wir auf eine gleich große oder größere Zahl mittlerer Kader zählen konnten, die fähig waren, diese Lokale zu öffnen und zu leiten. Wenn die Partei sich der Kampagne lediglich mit 50 Kadern hätte stellen müssen, hätten wir uns eine andere organisatorische Form überlegen müssen. Möglicherweise hätten wir uns in einigen wenigen Städten konzentriert, mit großen Lokalen oder einer anderen Variante.

 

Marx

 

Die Lehren des Klassenkampfes seiner Epoche vertiefend, vor allem der Pariser Kommune, definierte Marx welches die revolutionären Aufgaben des Proletariats auf politischer Ebene sein müssten, wie die „Diktatur des Proletariats“ zu errichten. Diese bedeutete den bürgerlichen Staat zu zerstören und eine Arbeiterregierung einzusetzen.

 

“ … nicht mehr wie bisher die bürokratisch-militärische Maschinerie aus einer in die andere Hand zu übertragen, sondern sie zu zerbrechen, und dies ist die Vorbedingung jeder wirklichen Volksrevolution. Dies ist auch der Versuch unserer heroischen Pariser Parteigenossen.“ (Brief von Marx an Kugelmann, in Lenin, ausgew. Werke, S. 349).

 

“ … Die Kommune war wesentlich eine Regierung der Arbeiterklasse, das Resultat des Kampfes der hervorbringenden gegen die aneignende Klasse… „ (Marx, der Bürgerkrieg in Frankreich, ebenda, S. 364.).

 

Um eine Regierung der Arbeiterklasse zu schaffen, war eine politische Partei der Arbeiterklasse notwendig. In jenen Zeiten konnte die europäische Arbeiterklasse nicht wählen, und wenn sie es tat, stimmte sie für die Parteien der liberalen Bourgeoisie (ein mit der argentinischen Arbeiterklasse bezüglich des Peronismus vergleichbares Phänomen). Mit dem Ziel, die grundlegende politische Aufgabe voranzubringen, nämlich das Proletariat von der Bourgeoisie unabhängig werden zu lassen, vertrat Marx wie auch Engels die Organisationskonzeption einer Einheitspartei der Arbeiterklasse ( vergleichbar mit der von uns häufig aufgestellten Losung der „Arbeiterpartei“). Dies war eine für das gestreckte Ziel korrekte Konzeption, noch mehr, als weder die Arbeiteraristokratie noch die auf solide Apparate gestützten großen Bürokratien in aller Deutlichkeit zutage getreten waren.

 

Jedoch begann gegen Ende des 19. Jahrhunderts und mit dem Beginn des 20. diese Konzeption sich in etwas sehr gefährliches zu verwandeln, etwas falsches, das verhängnisvollste Konsequenzen nach sich zog.

 

Die erste, allgemeine, ist, dass die Wirklichkeit immer reichhaltiger ist als jede theoretische Konstruktion, da die Realität des Klassenkampfes selbst diese Konzeption von Marx hinter sich ließ (zusammen mit einigen anderen, wie dem Freihandel, dem unvermeidlichen Beginn der sozialistischen Revolution in den entwickeltsten Ländern usw.).

 

Das zweite Gesetz ist, dass eine rigide und statische Konzeption der Organisationsfrage so unwissenschaftlich ist und so reaktionär werden kann, wie jegliche rigide und statische Konzeption jedes menschlichen und sozialen Phänomens, von den Wissenschaften bis zu den Taktiken einer revolutionären Partei.

 

Die Sozialdemokratie

 

Der Marxschen Konzeption folgend wurden die großen europäischen sozialdemokratischen Parteien gegründet, die während einer ganzen Epoche eine sehr progressive Rolle spielten, da sie die Unabhängigkeit des Proletariats erreichten und es von dem Herlaufen hinter der Politik der liberalen Bourgeoisie löste. (Selbst heute sind noch die Folgen dieser progressiven Etappe der großen sozialdemokratischen Parteien zu spüren. Die Wirtschaftsoffensive des Weltimperialismus hat starke Lohneinbußen bei den Arbeitern der halbkolonialen Welt, wie auch der USA und Japan hervorgerufen. In Europa hingegen ist der Rückgang viel geringer, da die Arbeiterklasse einen heftigen Widerstand leistet, deren beste Beispiele der britische Bergarbeiterstreik und der Metallerstreik in Westdeutschland sind. Und das lässt sich nur erklären, weil das europäische Proletariat aus jener Zeit noch ein Organisations- und Bewusstseinsniveau als Klasse bewahrt hat, das qualitativ höher ist als das anderer genauso oder sogar stärkerer Proletariate wie dem japanischen oder nordamerikanischen.

 

Aber diese großen sozialistischen Parteien erfuhren, wie es auch gar nicht anders sein konnte, den Einfluss neuer sozialer Prozesse. Mit dem Auftauchen des Imperialismus entwickelte sich in den europäischen Ländern die Arbeiteraristokratie zu ihrer vollen Blüte. Ein privilegierter Sektor der Arbeiterklasse mit einem höheren Lebensstandard als ihre Klassengeschwister im eigenen Land und dem Rest der Welt. Diese Arbeiteraristokratie genoss ihre Privilegien, indem sie sich von den Brosamen nährte, die die imperialistische Bourgeoisie aus der Ausbeutung der anderen Arbeitern vor allem der Kolonien ihnen zuwarf Hinzu kam, dass die höheren Schichten der sozialistischen Parteien, – die die Legalität erobert hatten und sich permanent und systematisch an den Wahlprozessen und Parlamentsarbeit beteiligten – begannen, sich vom bürgerlichen Staatsapparat assimilieren zu lassen. Dieser Prozess konnte ablaufen, weil das weltweite kapitalistische System den Metropool Arbeitern große Zugeständnisse machen, politische und wirtschaftliche Reformen bewilligen konnte. Das Proletariat der imperialistischen Länder -und bis zu einem gewissen Grad der gesamten Welt – durchlebte eine reformistische, nichtrevolutionäre Epoche.

 

So organisierte sich die Sozialdemokratie grundlegend um Reformen zu erreichen und an den Wahlen teilzunehmen, nicht um gegen die Bourgeoisie die Revolution durchzuführen. In ihren Lokalen versammelten sich die Arbeiter, um die Redner zu hören, aber niemand war verpflichtet, die Zeitung zu verkaufen oder sonst etwas zu machen. Die Partei wollte lediglich Wahlen gewinnen. Es gab keine Disziplin. Die Sozialdemokratie zeigte kein Interesse daran, täglich in den Strukturen zu arbeiten, im Inneren der Arbeiterklasse, in den Fabriken und Werkstätten, um dort, in ihrem täglichen Kampf die Arbeiter und ihre eigene Partei zu organisieren. Es war üblich, dass angesichts eines Streiks die Sozialdemokraten getrennt abstimmten, ein Sektor dafür und ein anderer dagegen… und beide verblieben in der Partei.

 

So wurden die großen sozialistischen Parteien zu gewaltigen Wahlapparaten, von den täglichen und konkreten Kämpfen und der Organisierung für diese Kämpfe der Arbeiterklasse abgehoben. Die einzigen Ausnahmen bildeten die britische Labourparty und bis zu einem gewissen Grad die deutsche und belgische Sozialdemokratie. Die Masse der sozialdemokratischen Arbeiter spielte eine passive Rolle. Die einzigen die ständig arbeiteten waren die Angehörigen des Parteiapparats, der von Anwälten, Abgeordneten oder Kandidaten, den Freiberuflern und Journalisten kontrolliert wurde, die seitens der Partei in ihrer Gesamtheit keinerlei Kontrolle unterlagen.

 

Die bolschewistische Partei

 

Entgegen den Voraussagen von Marx triumphierte die sozialistische Revolution nicht in den entwickeltsten imperialistischen Ländern, sondern dem zurückgebliebensten, dem zaristischen Russland. Hier waren die überwältigende Bevölkerungsmehrheit Bauern, es hatte die bürgerliche Demokratie nie kennen gelernt, aber dort lebte auch die konzentrierteste Arbeiterklasse der Welt. Die Notwendigkeit unter diesen objektiven Bedingungen – wo die Norm der absoluten Untergrundarbeit bestand, es keine legalen Gewerkschaften gab und noch weniger regelmäßige Wahlen – die Partei für die Revolution aufzubauen, erklärt das Entstehen einer Partei neuen Typs: der bolschewistischen. Sie sollte eine neuartige, revolutionäre Organisationsform bilden, deren grundlegende Merkmale wir folgendermaßen beschreiben können:

 

  1. Sie besaß eine Struktur, die Lenin als „konspirativ“ beschrieb, zentralisiert und diszipliniert, fethig, in jeder Lage des Klassenkampfes zu handeln, schnell von der Legalität in den Untergrund und umgekehrt zu wechseln, geeignet um organisch alle Kräfte der Massenbewegung für die Machteroberung durch den Aufstand zu zentralisieren.
  2. In ihrem Inneren akzeptierte sie keineswegs alle Strömungen und Programme alleine aufgrund ihres Bekenntnisses zum Sozialismus. Im Gegenteil zog sie eine entschiedene Trennlinie zwischen Revolutionären und Reformisten. Die Partei hatte aus Revolutionären zu bestehen und die Reformisten sollten ihre eigene Partei bilden.
  3. Die zentrale Aktivität der Partei bestand nicht in den Wahlen, sondern dem Klassenkampf. Sie ist die Partei der täglichen Arbeit, die in die Kämpfe der Arbeiterklasse und ausgebeuteten Massen jeden Tag eingreift, sie begleitet, sie zu organisieren versucht und in der Klasse und ihren Kämpfen die eigene Partei organisiert. Sie nimmt an allen Kämpfen der Klasse teil, sowohl den großen wie den kleinen. Ständig versucht sie an deren Spitze zu stehen, sie zu leiten und zu organisieren oder zumindest an den spontanen Kämpfen der Klasse teilzunehmen.

 

Wie zu sehen ist handelt es sich um eine der Sozialdemokratie diametral entgegengesetzte Organisationsform.

 

Das Ende der Einheitspartei der Arbeiterklasse

 

Die Organisationskonzeption von Marx und Engels zur Einheitspartei der Arbeiterklasse wurde durch die Erfahrung der russischen Revolution und die bolschewistische Partei überwunden. Der historische Prozess des 20. Jahrhunderts zeigte, dass die Trennung zwischen revolutionären Sozialisten und Reformisten vollkommen richtig war. In Russland hieß dies die Trennung zwischen Bolschewiki und Menschewiki, nicht nur in verschiedene, sondern in feindliche Parteien. Seit 1917 verlief diese Trennung weltweit: in allen Ländern gab es einander gegenüberstehende sozialistische und kommunistische Parteien, die in verschiedenen Internationalen organisiert waren, der 2. und 3. Internationale. Die Realität hat sich der Marxschen Konzeption gegenüber als weitergehend erwiesen.

 

Jedoch, und dies soll auch den schrecklichen Fehler zeigen, den es bedeutet, sich auf irgendeinem Gebiet rigide an Konzeptionen zu fesseln, die große deutsche Revolutionärin Rosa Luxemburg akzeptierte weder die Trennung der sozialistischen Parteien noch sollten für sie die Revolutionäre ihre eigene Organisation bilden. Dies kam ihr und ihrer Tendenz sehr teuer zu stehen, als sie einer revolutionären Situation ohne angemessene revolutionäre Partei gegenüberstanden. Die Repression der Bourgeoisie vernichtete sie und deren ausführendes Organ war die Regierung des reformistischen Sozialismus. Noch teurer kam dies der weltweiten Arbeiterklasse zu stehen, die das Scheitern der deutschen Revolution aufgrund des Fehlens einer sie leitenden Partei erleben musste. Dies verzögerte die Entwicklung und den Sieg der Weltrevolution um Jahrzehnte, in denen Kriege Millionen Menschen das Leben kosteten und unerträgliche Ausbeutung und Elend herrschten.

 

Auf der Grundlage der bolschewistischen Erfahrung konnten wir revolutionären Marxisten die Theorie entwickeln, die erklärt, warum in unserer Epoche keine Arbeitereinheitspartei bestehen kann. Jede Klasse hat verschiedene Parteien. Traditionell galt das für die Bourgeoisie, wo diese ihre verschiedenen Sektoren widerspiegeln: Industrie-, Agrar- oder Finanzkapital, monopolistische und nichtmonopolistische Sektoren usw.

 

Gegenwärtig setzt sich in dem Maß, in dem die großen imperialistischen Monopole alle Sektoren der weltweiten Wirtschaftsstruktur erfassen, eine Tendenz zur Einheit durch, die sich im Zweiparteiensystem ausdrückt. Lediglich zwei große Parteien tendieren unter dem imperialistisch kapitalistischen System dazu, die politische Szene zu beherrschen. Eine, sozialdemokratischer Art, um die Arbeiterstimmen auf sich zu ziehen, die andere, Mitte rechts, um das gleiche mit den Mittelklassen zu schaffen. In Europa und nicht wenigen halbkolonialen Ländern wie Chile ziehen reformistische Arbeiterparteien die Arbeiterstimmen auf sich. In vielen anderen Ländern werden sie von direkt bürgerlichen Parteien aufgesogen, wie hier der Peronismus, Accion Democratica in Venezuela oder in den USA die Demokratische Partei.

 

Die Arbeiterklasse ist homogener als die Bourgeoisie; sie ist die homogenste Klasse der Gesellschaft. Aber trotzdem gewährleistet sie nicht die hinreichende Homogenität um eine einzige Partei hervorzubringen. Wie jede Klasse hat sie verschiedene Segmente. Es gibt die Arbeiteraristokratie, mittlere Arbeiter und fast marginale, überausgebeutete Sektoren. Es gibt Sektoren mit Zeitarbeit und andere arbeiten mit Festeinstellung. Manche sind in der Schwerindustrie, andere in der Leichtindustrie oder bei den Dienstleistungen tätig und auch gibt es ein Landproletariat. All dies gibt Anlass für das Entstehen verschiedener Parteien.

 

Auch reflektieren diese strukturelle Heterogenität – wenngleich nicht mechanisch – verschiedene Bewusstseinsstufen innerhalb der Arbeiterklasse. Wie Trotzki in einer seiner brillanten Analysen feststellte: es gibt Sektoren der Arbeiterklasse, die zurückblicken und andere die nach vorne schauen (und wie wir hinzufugen, solche, die nirgendwohin schauen).

 

Offensichtlich können die Arbeiter, die kleinbürgerliche Erwartungen haben und noch glauben, sich individuell im Rahmen des kapitalistischen Systems entwickeln zu können und einer bürgerlichen oder reformistischen Partei zuneigen, nicht in der gleichen Partei sein wie die Arbeiter, die den Sozialismus wollen, aber noch nicht sehen, dass hierzu eine Revolution gemacht werden muss und eher einer sozialdemokratischen Partei zuneigen und mit denjenigen sein, die bereits Revolutionäre sind und in eine revolutionär -marxistische Partei eintreten würden.

 

Wie man es auch betrachtet, es gibt keine wissenschaftliche Begründung oder Rechtfertigung dafür, dass die Arbeiterklasse nur eine Partei haben darf

 

Der Stalinimus

 

Als Folge des Bürgerkriegs – in dem sie zu Tausenden starb – und des Hungers – der ihre Rückkehr auf das Land hervorrief – verschwand die alte russische Arbeiterklasse praktisch, die gleiche, die die Sowjets gebildet, sich der bolschewistischen Partei angeschlossen und die Revolution gemacht hatte. Dieses physische Verschwinden von 90% der russischen Arbeiterklasse ist die tiefere Erklärung für den Triumph des Stalinismus in Russland. Stalin stülpte sich einer neuen Arbeiterklasse über, die gerade frisch vom Land gekommen war und weder Erfahrung noch Tradition besaß.

 

Die Bolschewiki hatten verschiedene Mittel versucht, um diese neue Arbeiterklasse in revolutionärer Weise zu organisieren, z.B. die Organisierung der Arbeiter ohne Partei, Organismen zur Bekämpfung des Hungers usw. Aber im allgemeinen stellten sich keine guten Ergebnisse ein. Die Konsequenz dieses organisatorischen Fehlens – welches ein soziales Fehlen war, da die Arbeiterklasse aus dem historischen russischen Prozess verschwand – war der Stalinismus.

 

Dieser brachte nach Russland eine neue Organisationsform und Verbindung mit der Arbeiterbewegung, nicht organischer Art und eisern bürokratisiert. Ihr zentrales Ziel war dem der Organisierung in den revolutionären Sowjets und der alten bolschewistischen Partei genau entgegengesetzt. Jene waren Organisationen, um die spontanen Kämpfe der Arbeiter zu entwickeln, auszudehnen, zu verallgemeinern und in einer einzigen großen Revolution zu konzentrieren. Die „Sowjets“ und die „bolschewistische Partei“ des Stalinismus hingegen dienten um jeden Kampf zu verhindern, jegliche Spontaneität der Massen zu ersticken, jegliche Organisierung der Arbeiterklasse zu vermeiden.

 

Jedoch außerhalb Russlands benutzte der Stalinismus weiterhin ein Element, ein einziger der leninistische Erbe: Dort zu sein wo die Arbeiterklasse ist, seine Zellen und Militanten in den Fabriken zu haben, dort zu organisieren, wo sich die Arbeiterklasse befand, sich um ihre täglichen Probleme und nicht die Wahlfrage zu kümmern, sich an die Spitze ihrer kleinen Kämpfe zu stellen. Aber die bürokratische Clique nutzte all dies im Dienst ihrer verräterischen konterrevolutionären Politik der Klassenzusammenarbeit. Sie mischt in den kleinen Kämpfen mit um besser den Ausbruch der großen verhindern zu können, will heißen der Revolutionen. Und wenn sie doch ausbrechen, um sie in die Niederlage zu führen. Und wenn sie triumphieren, um die neuen Arbeiterstaaten in Werkzeuge der Konterrevolution zu verwandeln.

 

Auf diese Weise deckt der Stalinismus die offene Flanke ab, die von der Sozialdemokratie verlassen wurde. So ist auch verständlich, dass in Ländern, in denen die Sozialdemokratie noch ausnahmsweise dieser Rolle nachkommt, wie Deutschland oder Großbritannien, der Stalinismus schwach ist. Hingegen in Ländern wie Frankreich, Spanien oder Portugal mit „klassischer“ Sozialdemokratie, die häufig in den Wahlen die Mehrheit gewinnt, stellt der Stalinismus eine beträchtliche gewerkschaftliche Macht dar. Die Sozialdemokraten verraten die Arbeiter auf dem Gebiet der Wahlpolitik, die Stalinisten auf dem Gebiet des täglichen Kampfes. Dies ist eine effektive Arbeitsteilung. Und eine stalinistische Partei nimmt beide Funktionen gleichzeitig ein, die KP in Italien.

 

Der Stalinismus überlebte aufgrund zahlreicher Ursachen. Aber eine sehr wichtige, die das entscheidende Gewicht der Organisationsfrage unterstreicht und verhinderte, dass er trotz seiner enormen weltweiten Krise noch nicht vollständig zusammengebrochen ist, haben wir bereits erwähnt. Bei vielen Gelegenheiten haben die KP’s unglaubliche Verrate begangen und dennoch hat die Arbeiterklasse nicht mit ihnen gebrochen. Die spanischen Arbeiter z.B. haben gesehen, wie die Kommunisten an ihrer Seite kämpften und ihr wichtigstes gewerkschaftliches Werkzeug aufbauten, die Comisiones Obreras. Gleichzeitig riefen sie sie auf, die Monarchie oder den Moncloa-Pakt (den ersten Sozialpakt nach der Franco Diktatur) zu unterstützen. Trotz der republikanischen Tradition der spanischen Arbeiter und der nachteiligen Folgen des Moncloa-Pakts für ihren Lebensstandard bleibt die spanische KP die Führung der Comisiones Obreras, so sehr sie auch gespalten und auf gesplittert ist und Wählereinfluss verliert. Und Comisiones Obreras bleiben eine Macht neben der alt ehrwürdigen, von den Sozialdemokraten kontrollierter Gewerkschaft UGT. Natürlich vervollständigt die Sozialdemokratie den anderen Arm der konterrevolutionären Zange und bindet die Arbeiterklasse auf der Wahlebene.

 

II. Die Parteiorganisation revolutionieren

 

Die Frage der Organisationsformen wird gegenwärtig zu einem Hauptproblem, weil sich in der objektiven Lage eine Änderung ergeben hat. Wir sind von einer Etappe zu der nächsten übergegangen: von der Übergangsphase nach dem Wahlsieg Alfonsins zu einer neuen revolutionären Lage.

 

Nach dem Sieg Alfonsins, der einen großen Enthusiasmus erweckte, gab es bei Sektoren der Vorhut einen Rückzug, den sie als harten Schlag empfanden: die Massen gingen teilweise zu der Radikalen Partei über, die Arbeiterklasse unterstützte weiterhin mehrheitlich den Peronismus; keine Partei der Linken, nicht einmal die lauesten, konnten sich vor dem Sog der Polarisierung retten. Von dem Wahlergebnis ausgehend entstand eine Etappe, die wir als „Übergang“ bezeichneten, ohne Festlegung ob sie zu einer Vertiefung des revolutionären Kurses oder im Gegenteil zu einer Stabilisierung des Regimes und der Regierung fuhren würde.

 

Diese Etappe ist vorbei. Die Karten werden erneut gemischt wie schon einmal vor dem 10. Oktober. Die Krisensymptome des Regimes vertiefen sich. Der Aufschwung der Arbeiterbewegung führt zum Streik und der Mobilisierung von Millionen auf der Straße. Auch wenn die Mehrheit der Arbeiterbewegung peronistisch bleibt drückt sich dieser Prozess darin aus, dass Sektoren der Vorhut den Kurs wiederaufnehmen, den sie vor den Wahlen eingeschlagen hatten. Die linken Parteien einschließlich der unseren werden stärker, Tausende Sympathisanten, die sich infolge der Wahlniederlage der Linken entfernt hatten, kehren zurück. Alfonsin war ein Damm, der eine Zeitlang diese halb-natürliche Dynamik bremste, aber mit ihr nicht Schluss machen konnte. Eine neue Lage blüht auf, ähnlich wie vor den Wahlen, aber auf einer wesentlich höheren Ebene. Denn vor einem Jahr steuerte der Prozess auf die bürgerlich Wahlen zu und heute ist er tiefer: er läuft über die täglichen Kämpfe der Arbeiterklasse, die objektiv das kapitalistische System in Frage stellen. Und in ihnen, sie vorbereitend, begleitend und sich von ihnen befruchtend, entsteht die neue Führung der Arbeiterbewegung.

 

Im Unterschied zu der vorangegangenen Etappe, in der wir auf dem Terrain des Gegners, den bürgerlichen Wahlen, kämpften, kämpfen wir jetzt auf unserem Gebiet, dem Klassenkampf

 

In dieser neuen revolutionären Lage muss die Partei ihre Organisation revolutionieren, entlang der von Lenin während der russischen Revolution von 1905 entworfenen Linie:

 

“Für die Sozialdemokratie ist eine revolutionäre Epoche, was für eine Armee die Kriegszeit ist. Wir müssen die Kader unserer Armee verbreitern, sie aus dem Friedensregime herausholen und in die Kriegsbereitschaft setzen, die Reservisten mobilisieren, die Urlauber erneut zu den Waffen rufen, neue Hilfskorps, Einheiten und Dienste bilden. Es darf nicht vergessen werden, dass in Kriegszeiten es notwendig und unvermeidlich ist, die Kontingente mit wenig ausgebildeten Rekruten zu verstärken, beim Marsch Offizieren durch einfache Soldaten zu ersetzen, und den Aufstieg von Soldaten zu Offizieren zu erleichtern und zu beschleunigen.“

 

„Ohne Metaphern gesprochen: wir müssen die Truppen aller Parteiorganisationen und aller ihr nahestehenden Organisationen beträchtlich erhöhen, um in einem gewissen Maß im Rhythmus des Sturms der revolutionären Energie des Volkes marschieren zu können, das seine Kraft verhundertfacht hat…

 

“In Kriegszeiten müssen die Rekruten ihren Drill direkt in den Militäroperationen bekommen. Genossen, benutzt folglich mit größerem Geschick die neuen Lehrmethoden! Bildet mit größerer Energie neue Kampfgruppen, schickt sie ins Gefecht, rekrutiert mehr Arbeiterjugendliche, erweitert die gewohnten Rahmen aller Parteiorganisationen, von den Komitees bis zu den Fabrikgruppen, Gewerkschaftsverbänden und Studentenzirkeln… bietet den unterschiedlichsten Gruppen und Zirkeln einen größeren Wirkungskreis für die verschiedenen Aktivitäten und seid sicher, dass sie auch ohne unsere Ratschläge zu beachten und unabhängig von ihnen, sie im gerechten Lager für die unverzichtbaren Forderungen des Verlaufs der revolutionären Ereignisse münden werden (…)“

 

„Wir müssen mit größtem Geschick, Schnelligkeit und breiten Kriterien kämpferische Jugendliche für jede einzelne unserer Organisationen rekrutieren. Für dieses Ziel ist es notwendig, ohne auch nur eine Minute zu verlieren, Hunderte neue Organisationen zu gründen (..)“

 

Wenn wir nicht verstehen, Geschick und Initiativgeist bei der Bildung neuer Organisationen zu zeigen, müssten wir von dem leerem Anspruch Abschied nehmen, Vorhut zu sein. Wenn wir uns unfähig in den Grenzen des Erreichten aufhalten, in den Formen und Rahmen der Komitees, Gruppen, Zirkeln und Versammlungen, dann machen wir nichts anderes als unsere Unfähigkeit zu zeigen.“

(Lenin, „Neue Aufgaben und neue Kräfte“, 1905)

 

Das Entstehen einer neuen Führung der Arbeiterbewegung

 

Wir wollen uns nicht bei der Analyse der neuen revolutionären Lage aufhalten, was von der Partei schon bei zahlreichen Gelegenheiten geleistet wurde. Es soll nur gezeigt werden, dass in ihr drei Phänomene von fundamentaler Wichtigkeit bestehen:

 

  1. Es gibt in Fabriken und Branchen eine mächtige Streikwelle um Lohnforderungen. Diese Streiks werfen die Möglichkeit des Generalstreiks auf, der bisher nur durch den Verrat der Gewerkschaftsbürokratie und ihrer Abkommen mit der Regierung verhindert wurde.
  2. Überall entstehen neue Betriebsvertretungen und Vertrauenskörper, mit neuen Führern der Arbeiterklasse, die nicht unter Kontrolle der Bürokratie das Licht erblicken. Es entsteht eine neue Leitung der Arbeiterklasse, die unweigerlich die alte, tödlich verwundete Bürokratie ersetzen wird (was nicht heißen soll, dass sie revolutionär-sozialistisch sein wird).
  3. Wir sind inmitten eines Prozesses von Gewerkschaftswahlen, die eine große Gelegenheit für die Gruppierung einer neuen Gewerkschaftsvorhut bieten, um um die Führung der Gewerkschaften zu kämpfen.

 

Von diesen drei Prozessen ist der unwichtigste (und der der natürlichen Entwicklung der neuen Leitung entgegenläuft) die Gewerkschaftswahlen, mit festern, von der Regierung bestimmtem Datum. Die fehlende Reifung der neuen Vorhut wird im Moment verhindern, dass die Bürokratie bei den Wahlen geschlagen wird, mehr noch nach ihrem Pakt mit Alfonsin. Wir müssen sie als ein Werkzeug nutzen, um die neue Vorhut zu gruppieren und zu vereinen, und vor allem um diese Erfahrung politisch zu begleiten und Sektoren für die Partei zu gewinnen.

 

Der wichtigste Prozess hingegen ist der der Basisorganismen der Arbeiterbewegung: die Betriebsvertretungen und Vertrauensleute. Dort ist die Erneuerung der Leitung vollständig. Und diese sind traditionell die Organismen par Excellenze unserer Klasse, die wirkliche tägliche Leitung ihrer Kämpfe. Jede Betriebsvertretung, jeder Delegierte, die politisch von der Partei gewonnen oder beeinflusst wird, ist ein Sprung vorwärts in unserem strategischen Ziel: unserer Arbeiterbewegung eine revolutionäre Führung zu geben.

 

Auf diese Revolution, die im Inneren der Arbeiterbewegung stattfindet, haben wir jahrzehntelang gewartet. Wir können sagen, dass wenn auch nicht im Überbau der Gewerkschaften und des Dachverbands CGT, so doch in den tiefen Strukturen der Gewerkschaftsbewegung, den Betriebsvertretungen und Vertrauensleutekörpern, die demokratische Revolution, die seit dem Malvinenkrieg das Land erfasst, nun auch dort dabei ist zu siegen, ja fast schon gesiegt hat. Die Arbeiterbewegung hat ihre innere Legalität erobert. Auch wenn sie noch ihre letzten Zuckungen zeigt so endete doch die Epoche der Bürokratie und ihrer Schläger, mit ihren Einheitslisten und eiserner Diktatur innerhalb der Arbeiterorganisation. Die fundamentale Aufgabe unserer Partei besteht darin, mit aller Kraft in diese Erneuerung der Führung der Basis unserer Klasse einzugreifen.

 

Unseren politischen Raum zurückerobern

 

Der Neustart der revolutionären Situation bietet uns enorme Vorteile. Der erste ist, dass die Massen schnell die Erfahrung mit ihren traditionellen Parteien machen können. Sie werden sich tagtäglich als Feinde der Arbeiter entlarven. Dieser Prozess kann angesichts des enormen politischen Rückstands unserer Arbeiterklasse mehr oder minder langsam sein. Aber er findet bereits mehr oder minder symptomatisch statt und wird früher oder später massiv verlaufen.

 

Ein zusätzlicher Vorteil, der aus der Dekadenz der argentinischen Bourgeoisie und ihrer politischen Vertreter erwächst, ist die enorme Stupidität letzterer. Nur selten können wir eine Regierung genießen, die täglich sosehr ins Fettnäpfchen tritt. Die Farcen ausrichtet, die selbst einen Hilfsschüler nicht betrügen können, wie z.B. der ganze von Grinspun um die Auslandsverschuldung montierten Zirkus, mit dem er sich lediglich lächerlich macht.

 

Auch geschieht es nicht häufig, eine so krisengeschüttelte und dumme „Opposition“ zu haben wie den Peronismus. Die bloße Tatsache, dass Herminio Iglesias auf die Leitung der Partido Justicialista (=Peronismus) schielen kann, entbindet uns weiterer Kommentare.

 

Inmitten dieses Panoramas ist unsere Partei in einer außergewöhnlich günstigen Lage. Der große Treffer, während der Wahlkampagne die Außenverschuldung in den Mittelpunkt gestellt zu haben, zahlt sich nun, wo die Realität sie selbst auf den ersten Platz gerückt hat, tausendfach aus. Die gleichen Sympathisanten, die sich von der Partei zurückgezogen hatten, weil sie vermuteten, Alfonsin habe uns jegliche Zukunft abgeschnitten, kommen nun zurück und sagen “ Wie recht wir doch hatten!“ Und diejenigen, die mit uns nicht übereinstimmten, beginnen ubereinzustimmen oder erkennen zumindest an, dass wir recht hatten, die Außenschulden als ein entscheidendes Problem zu benennen, auch wenn sie noch nicht zustimmen, dass die Schulden nicht gezahlt werden dürfen.

 

Heute sind wir in der Lage, eine starke politische Kampagne zu leisten, da wir mit diesem Kapital und neuen Losungen für die Etappe bewaffnet sind: Generalstreik, neue Leitung für die Arbeiterbewegung, permanente Denunzierung Alfonsins als Feind der Arbeiter und Agent des IWF‘ s…

 

Wir können so schnell den politischen Raum zurückerobern, den wir bereits gewonnen hatten und sogar mehr gewinnen.

 

Die Straßen mit einer systematischen Agitation dieser Losungen zurückerobern und hierbei jedes Ereignis zu nutzen – wie jetzt das Plebiszit zum Beagle [1]mit einer konkreten Politik zu verbinden, ist eine sehr wichtige Aufgabe.

 

Damit soll nicht geleugnet werden, dass die Massen noch nicht nach links gehen, zu uns. Der grundlegende Prozess, den die Partei bei Strafe des eigenen Rückgangs und Rückgangs des revolutionären Prozesses nicht versäumen darf, ist der Aufbau einer neuen politischen und gewerkschaftlichen Führung der Arbeiterbewegung. Dieser Aufbau verläuft auf gewerkschaftlicher Ebene entlang der neuen Betriebsvertreter und auf politischer Ebene über die Stärkung unserer Partei.

 

Der Rest der „Linken“ ist im Nachteil

 

Der Prozess der politischen Vorhut drückt sich im Wachstum der gesamten Linken aus. Die KP hat es gezeigt, ebenso die PI [2]und in gewissem Maß auch die alte peronistische Linke mit ihren Blocks auf der letzten Demonstration gegen den IWF…

 

Aber eine Sache ist, ob sie sich als Parteien stärken können, eine andere sehr verschiedene, ob sie dies auch auf der Ebene der neuen Leitung der Arbeiterbewegung schaffen, welches, worauf wir bestehen, der bei weitem wichtigste Kampf ist.

 

Zwei Gründe lassen letzteres als schwierig erscheinen.

 

  1. Der erste, direkt auf gewerkschaftlicher Ebene ist, dass keine dieser „linke“ Strömungen entschlossen an der Seite der Arbeiterklasse bei ihren Kämpfen gegen die Unternehmer und Bürokraten steht. Manchmal stellen sie sich sogar direkt gegen sie, denunzieren bestimmte Kämpfe als „destabilisierend“ und unterstützen die Bürokratie, wie es die KP macht, die im Metallsektor gemeinsam mit Miguel (peronistischer Gewerkschaftsbürokrat) geht.
  2. Der zweite, entscheidende, Grund ist politisch. Diese Strömungen stellen sich nicht mit aller Kraft gegen den Alfonsinismus noch das sozioökonomische kapitalistische System. Im Gegenteil, alle unterschreiben den Stabilitätspakt mit der Regierung. Dies stellt sie in Gegenrichtung zum objektiven Prozess der Massenbewegung und ihrer Vorhut, die zunehmend auf einen Zusammenstoß mit der Regierung, dem Regime und dem halbkolonialen kapitalistischen System zusteuert. Vielen Genossen verschleiert der Lohncharakter der gegenwärtigen Kämpfe deren tiefen Inhalt, der antikapitalistisch ist, weil er das System an seinem neuralgischen Punkt trifft: dem Mehrwert, den Gewinnen der Kapitalisten und des Imperialismus. Sie haben innerhalb des Systems keinen Ausweg. Wir meinen, dass gerade hierin die Essenz des gegenwärtigen Kampfs der Arbeiterklasse liegt. Und dass aufgrund dieser tiefen Tatsache die Strömungen der Linken sich täglich von diesen Kämpfen und der neuen Vorhut abtrennen, die am Entstehen ist.

 

Deshalb drücken diese Strömungen, obwohl sie als politische Parteien wachsen, dieses Wachstum nicht direkt im Ringen um die politische Leitung der neuen Arbeitervorhut aus. Sie können Betriebsräte und Vertrauensleute gewinnen. Aber sie sind nicht leidenschaftlich wie wir dabei, dies auch zu erreichen.

 

Dies ist nicht das Zentrum ihrer politischen Tätigkeit.

 

In diesem Rahmen ist die KP bei weitem unser gefährlichster politischer Gegner. Sie hat eine Methode, die der unseren ähnelt: sie gehen zu den Betrieben, bilden dort Gruppen ihrer Partei und gewinnen neue Aktivisten. Aber wie bereits gesagt, ihre politische und gewerkschaftliche Position trennt und stellt sie dem objektiven Prozess der neuen Führung entgegen. Hinzu kommt, dass eine Leitung wie Nadra, Fava und Co., die so verräterisch war, dass sie offen die Militärdiktatur Videlas unterstützte und für Iglesias stimmte, kurzfristig bestimmt eine weitere Katastrophe in dieser Richtung vorbereitet.

 

Die PI, abgesehen von der gleichartigen auffälligen Dummheit ihrer Leitung, geht als Partei erst gar nicht zu den Betrieben, um die neuen Aktivisten zu gewinnen. Es gab Fälle von ehrlichen Aktivisten der PI, die uns bitten ihnen beizubringen, wie so etwas Mysteriöses geschafft werden kann. Die populistische Struktur der PI führt dazu, dass sie kein ernsthafter Konkurrent im politischen Kampf um die Gewinnung der neuen gewerkschaftlichen Führung werden kann.

 

Die alte peronistische Linke ist Teil der Gesamtkrise des Peronismus. Sie kann wenig oder nichts machen, verglichen mit der außerordentlichen Verankerung der Montoneros[3] oder der Peronistischen Arbeiterjugend zwischen 1969 und 1975. Sektoren von Intransingencia und Movilisacion Peronista sind total degeneriert und beteiligen sich an Wahlen mit den schlimmsten Bürokraten. Andere hingegen verwandeln sich in Agenten der Regierung, paktieren mit ihr und machen sich zu Anhängseln der Radikalen Partei (Regierungspartei Alfonsins). Und andere wiederum eröffnen uns große Möglichkeiten, mit ihnen zusammenzuarbeiten; dies tun wir an vielen Stellen. Aber dies ist eine Phase ihres Prozesses des Bruchs mit dem Peronismus nach links, nicht der Stärkung dessen, was die „glorreiche Partido Justicialista“[4] war.

 

Der alte „Klassismus“ von Piccinini schließlich endete auch als Agent einer Regierung, die sich täglich mehr von den Erwartungen der Arbeiterklasse trennt. Er wird wahrscheinlich einen gewissen Einfluss unter den privilegierten Arbeiter mit „weißem Kragen“ gewinnen. Aber wir halten es für schwierig, dass er groß unter der Mehrheit der Klasse einschlägt, die einer fürchterlichen Ausbeutung und wachsendem Elend ausgeliefert ist.

 

Als Schlussfolgerung: wir haben Konkurrenten im Kampf um die politische Gewinnung der neuen Arbeitervorhut. Aber keiner von ihnen ist ein Konkurrent, der uns schlagen kann – auch wenn wir den fürchterlichen Gegner, der der Stalinismus ist, nicht verharmlosen dürfen. Es liegt an uns zu verhindern, dass diese Parteien oder Strömungen erneut einen Damm zwischen der Arbeitervorhut und der sozialistischen Revolution errichten.

 

Die Partei vor einer historischen Gelegenheit

 

Unsere Partei steht somit vor einer dieser historischen Gelegenheiten, die nur sehr selten auftreten. Wir können einen Sektor der neuen Leitung der gewerkschaftlichen und betrieblichen Kämpfe der Arbeiterbewegung gewinnen. Auf diesem Weg bauen wir die neue politische Leitung auf, von der der Sieg der sozialistischen Revolution in Argentinien abhängt.

 

Es ist der vierte Prozess dieser Art, der in Argentinien seit dem Bestehen unserer Strömung stattfindet. Der erste, ungefähr um 1944, war die Liquidierung der alten stalinistischen und sozialistisch-reformistischen Führung und das Entstehen einer neuen Arbeiterführung, die die neuen peronistischen Gewerkschaften gründete. Diese neue Leitung kondensierte in der Partido Laborista, eine Klassenpartei, die für Peron stimmte, aber ihm gegenüber ihre politische Unabhängigkeit behielt. Und sie riss den Stalinismus aus der Leitung des Proletariats heraus; hierbei kamen ihr die systematischen Verrätereien der Leitung der KP zugute, die diese an der Arbeiterklasse beging, da sie an die Kremldiplomatie – und über diese an den nordamerikanischen und britischen Imperialismus und den Block der Alliierten – gefesselt war.

 

Die Partido Laborista erlaubte Peron den Wahlsieg, indem sie ihm die Arbeiterstimmen zuschob. Sie wurde anschließend von Peron liquidiert, der ihre Auflösung in seine bürgerliche Partei erzwang und ihren wichtigsten Führer, Cipriano Reyes, auf Jahre ins Gefängnis war und zugleich die Gewerkschaftsführung bürokratisierte, indem er sie in Funktionäre des Arbeitsministeriums verwandelte.

 

Wir waren eine kleine Gruppe, keine große Partei, und konnten nicht verhindern, dass der Peronismus obsiegte, der sich auf eine außerordentlich günstige Wirtschaftskonjunktur[5]stützte. Diese erlaubte dem Proletariat, auf dem Reformweg von der Bourgeoisie enorme Zugeständnisse zu erreichen, ohne den Rahmen des kapitalistischen Systems zu sprengen. Aber trotzdem griffen wir mit allem Geschick ein. Wir schaffen es, die Leitung der größten Gefrierfleischfabrik des Landes zu stellen, der Anglo-Ciabasa- die zugleich der größte Betrieb überhaupt war und gewannen in der Gewerkschaft großes Gewicht. Der Sog zum Peronismus kam uns in die Quere, aber es hatte sich bereits gezeigt, was eine trotzkistische Politik und Organisation leisten kann, wenn sie sich mit den günstigen sozialen Prozessen verzahnt und sie zu nutzen versteht.

 

Der zweite Prozess war die Liquidierung der alten peronistischen Bürokratie von Espejo und Co. Sie fand zwischen 1952 und 1959 statt, zuerst infolge der Unzufriedenheit mit der arbeiterfeindlichen Politik Perons in seinen letzten Regierungsjahren und anschließend während des heroischen Widerstands gegen den Putsch der pronordamerikanischen Militärs. Diese neue Leitung schlug sich auch in einem politischen Ausdruck nieder, der fast eine Partei bildete: die 62 Organisationen. Es war die Epoche unseres Entrismus in den Peronismus; Eine Politik, die niemals in der internationalen trotzkistischen Bewegung verstanden wurde. Wir hatten innerhalb des Peronismus immer zwei Segmente unterschieden. Einer, den wir als vollkommen verfault ansahen, bröckelig seit seiner Geburt -und nicht zu sprechen von der „femininen Säule“ Evita Perons! -. Diese haben wir immer als reaktionäre Nebenprodukte fünftrangiger Bedeutung angesehen. Das andere Segment, das uns immer interessierte, war die Gewerkschaftsbewegung. In ihr machten wir Entrismus, und darauf sind wir stolz.

 

Heute sind die 62 Organisationen ein Nichts. Aber damals gingen zu ihr alle Gruppierungen der peronistischen Basis, tausende äußerst kämpferische Aktivisten, der Rahm der Arbeiterbewegung, die seit 56 gegen die Putschisten kämpften und die Gewerkschaften zurückeroberten. Palabra Obrera (Arbeiterstimme), die mit den Basisperonisten in der „Bewegung der Arbeitergruppierungen“ vereint war, gründete viele dieser Gruppierungen und rang den Militärkommissaren viele der wichtigsten Gewerkschaften wieder ab. Anschließend wurde diese Bewegung von den 62 organisiert und unter ihnen bildeten wir eine Potenz.

 

Wir blieben weiterhin eine Gruppe von etwas über 100 Genossen, eingetaucht in den mit überwältigender Mehrheit peronistischen Arbeitermassen. Aber wir vollbrachten wahre Wunder. Wir waren in der Metallarbeitergewerkschaft UOM von Avellanada, Matanza und Bahia Blanca die stärksten und in der Hauptstadt und anderen Gremien die zweitstärksten. Den großen Metallerstreik von 1956 leiteten wir. Die Niederlage dieses Streiks verhinderte, dass wir eine Arbeitermassenpartei wurden, auch wenn wir auf gewerkschaftlicher Ebene Masseneinfluss behielten. Unser Einfluss ging soweit, dass unsere Handvoll Mitglieder wöchentlich 10000 Zeitungen verkaufte.

 

Erneut versperrte uns der Peronismus mittels der neuen Bürokratie der Vandor, Framini und Co.den Weg.

 

Ausgehend vom Aufstand in Cordoba, dem Cordobazo fand zwischen 1969 und 1975 ein weiterer Prozess des Leitungswechsels statt, der (durch den Putsch) gekappt wurde. Er fallt mit Sitrac-Sitram zusammen und wird von Tosco, Piccinini und den Koordinationskomitees des Rodrigazos 1975 fortgesetzt. Wir schätzen, dass zu diesem Zeitpunkt etwa 25% der Arbeiterklasse bereits eine neue Führung besaß, die der Bürokratie entgegenstand.

 

Diese neue Führung besaß ein klares politisches Merkmal: sie war pro Guerilla. Auch wir spielten eine wichtige Rolle bei ihrem Aufbau, Z.B. bei den Koordinationskomitees der Nordzone von Groß-Buenos Aires. Aber wie wir später sehen werden, konnten wir diese Gelegenheit nicht voll ausnutzen. Die neue Leitung endete in der unglücklichsten Weise. Ihr elitärer und Pro-Guerilla Charakter isolierte sie zunehmend von der Basis. Der Putsch 1976 löschte sie physisch aus oder zwang sie ins Exil.

 

Jedoch konnte der Genozid den Prozess in einer anderen Richtung nicht stoppen: die peronistische Gewerkschaftsbürokratie verfaulte weiter und der Hass der Arbeiterbasis wuchs an.

 

Auf diesem fruchtbaren Boden explodierte die revolutionäre Etappe, die wir gegenwärtig erleben und den vierten Wechsel der Arbeiterführung in Gang setzte. Aber dieses Mal ist die Gelegenheit qualitativ höher, eine derer, die sich alle 30,40 oder 50 Jahre bieten:

 

  1. Weil sie in einer revolutionären Etappe stattfindet – keiner reformistischen, wie die vorherigen. Der Niedergang des Landes ist solchermaßen, dass er wirtschaftliche Kämpfe der Klasse in antikapitalistische verwandelt. Der mit dem Malvinenkrieg eröffnete revolutionäre Aufschwung hat sich fortgesetzt und vertieft nach nur einer halbjährigen Atempause im Anschluss an den Wahlsieg Alfonsins.
  2. Die alte Bürokratie ist bereits ein stinkender Kadaver, ohne jegliche Möglichkeit, sich wieder in das zu verwandeln, was er einmal war.
  3. Der Peronismus wird von einer offensichtlich ausweglosen Krise geschüttelt.
  4. Unseren „linken“ Konkurrenten sind, wie bereits gezeigt, von ihrer eigenen Politik der Unterstützung der Regierung und des Regimes und! oder eines Flügels des reaktionären, zerfallenden Peronismus die Hände gebunden
  5. Zum ersten Mal stehen wir dieser Situation mit einer starken Partei gegenüber, die landesweit ausgedehnt ist, mit Hunderten, wenn nicht gar Tausenden alten und neuen Kadern und gestützt auf eine Tradition und Erfahrung, die verknüpft mit den Namen Grupo Obrero Marxista, Palabra Obrera und Partido Socialista de los Trabajadores ist.

 

Wir stehen an einem Scheideweg

 

Die Lage des Klassenkampfs und der Partei selbst stellen uns an eine Weggabelung. Für die revolutionären Sozialisten gibt es ein eisernes Gesetz: wenn wir keine Sekte sind bedeutet jede verpasste große Gelegenheit einen Rückgang und Krise. Jedes evolutionäre Projekt gradueller Entwicklung ist falsch. Wenn wir mit dem Rhythmus und der Organisationsform fortfahren, die wir haben, werden wir keineswegs „langsam aber sicher“ vorangehen, wir werden schnell und sicher zurückgehen. Und was schlimmer ist: wir werden auf eine Überlebensfrage der argentinischen Revolution keine Antwort geben: entweder verwandelt sich unsere Partei in eine Massenpartei oder erneut werden wir diese große historische revolutionäre Gelegenheit verpassen, die die größte ist, die unser Land bisher erlebt hat. Wenn wir nicht antworten, indem wir jetzt und hier die große Partei der Revolution aufbauen, die fest mit der Massenbewegung und der Arbeitervorhut verschweißt ist, besteht die Alternative in einem neuen Putsch und neuen Genozid, die schlimmer sind als die Diktatur die wir gerade zu Fall gebracht haben.

 

Wir brauchen also eine dringende Parteirevolution. Nicht in unserer Politik, die sich als korrekt erwiesen hat. Aber sehr wohl in unserer Aktivität und Organisation. Seit Eröffnung der revolutionären Etappe haben wir in unserer Aktivität und Parteiorganisation zwei Etappen durchlaufen: die der Legalität mit den Wahlen und die des „Übergangs“. Jetzt müssen wir mit allem in eine dritte Etappe eintreten, die der neuen revolutionären Situation.

 

Wir gingen die Wahletappe mit einer Partei an, die im Untergrund aus welchen Gründen auch immer, zurecht oder zu unrecht, vor allem im Zentrum der großen Städte organisiert war. Und hier vor allem in Buenos Aires, weil wir in anderen wie Cordoba oder Rosario sehr verfolgt wurden. Es entstand fast eine „Buenos Aires-Partei“, die, da es die Epoche des leichten Gelds war, in Gewerkschaften wie den Bankangestellten konzentriert war; da diese Branche sich am meisten entwickelte war es dort am leichtesten Arbeit zu finden.

 

Als wir merkten, dass die Diktatur an ihr Ende gelangte, eine Etappe breiter demokratischer Wahlen kommen würde und Wahlen unvermeidlich werden, beschlossen wir eine organisatorische Übergangsresolution, die half, die Partei der neuen Situation anzupassen. Ohne diese Resolution wäre die Analyse fur nichts gut gewesen. Sie besagte: die drei kleinen, superklandestinen Lokale, die die Partei besaß zu verlassen, und 2-300 Lokale in den proletarischsten Außenbezirksstadtteilen zu eröffnen. Diese Lokale wurden zu der zentralen Organisationsform der Partei und erlaubten uns ein außerordentlich gutes Ergebnis.

 

Als wir direkt in die Wahlkampagne einstiegen stellten wir uns die Aufgabe, 2-300 weitere Lokale zu eröffnen, wie auch immer. Der Sprung war enorm. Wir wuchsen so schnell, die Partei wurde so stark, dass die Lokale eröffnet wurden, ohne dass wir Miete zahlten: die Arbeiter leihten sie uns, in den Stadtteilen fanden Geldsammlungen statt usw. Der Höhepunkt dieses Sprungs war die Veranstaltung im Luna-park. Wir verkauften bis 60000 Zeitungen. Wir wissen nicht, ob wir 10, 15, 20 oder 22000 Mitglieder hatten.

 

Um uns diese Organisationsform zu geben mussten wir die Realität des Landes und der Arbeiterbewegung sowie die Lage der Partei im Auge behalten. Wir konnten die Lokale eröffnen, weil in der Arbeiterbewegung der Beginn eines Bruchs eines Sektors des Peronismus stattfand, der uns den Rohstoff hierfür gab. Und auch, weil die Partei über die erforderlichen Kader verfugte. Es sei daran erinnert, dass gegen Ende der Kampagne zur Eröffnung neuer Lokale praktisch jedes einzelne von einem einzigen Genossen geleitet wurde: der Kader, oder in der leninistischen Terminologie der „Chef‘ des Lokals.

 

So traten wir in die zweite Etappe, die des von den Wahlen hervorgerufenen „Übergangs“. Es scheint, dass schon ein oder zwei Monate vor ihnen unser Rückgang eingesetzt hatte. In dem Maß in dem der Peronismus und Alfonsin sich konsolidierten, tauchten wichtige Symptome dafür auf, dass kein Sektor der Massen zu uns stieß, während zugleich solche, die zu uns gestoßen waren, uns zu verlassen begannen.

 

In der Partei tauchten starke Zweifel auf. Fast alle Kader meinten, dass wir nicht verlieren würden. Einige wenige Militanten verwiesen darauf, dass zu den Versammlungen in den Lokalen immer weniger Leute kämen. Aber diese Hypothesen, und darum handelte es sich, waren nicht ausreichend, um einen neuen organisatorischen Wechsel zu beschließen. Es war zu berücksichtigen, dass es sehr gefährlich ist, von einem Tag zum anderen die organisatorischen Formen in unverantwortlicher Art zu ändern, ohne über ausreichende Präzisierungen der Charakterisierungen zu verfugen, während wir noch mitten in der Wahlkampagne standen. Stellen wir uns vor, was mit der Partei geschähen wäre, wenn wir noch vor den Wahlen mit der Schließung von Lokalen begonnen hätten.

 

Die Wahlniederlage legte in aller Klarheit zwei Phänomene offen, die wir in den vorangegangenen Wochen nicht ausreichend deutlich entdeckt hatten: wir hatten es nicht geschafft, Sektoren der Massen an die Partei zu binden und als Widerspiegelung dessen verloren wir Hunderte und Tausende Mitglieder. Wir können darüber streiten, ob wir wenige Tausend oder über 10000 verloren. Aber Tatsache ist, dass die Lokale sich mit Überschallgeschwindigkeit leerten.

 

Angesichts dieses doppelten Phänomens, objektiver und subjektiver Art, änderten wir ab dem 30. Oktober unsere Organisationsform. In der Gesamtheit der Massenbewegung herrschte die „demokratische Trunkenheit“, die Erwartungen an das neue Regime und Regierung. Und wir blieben auf eine Zahl organisierter Mitglieder zurückgeworfen, die im besten Fall einige tausend umfasste. Wir analysierten, dass wir in die Kategorie der „Vorhutpartei“ geblieben (oder zurückgekehrt) waren. Wir nahmen eine Organisationsform an, die dem Rückzug entsprach. Wir gingen zu großen Lokalen über. Wir versammelten die Genossen, damit sie die kalte Dusche besser überstehen. Als zentrale Aufgabe stellten wir uns die Konsolidierung der Partei mittels der Politisierung.

 

Jetzt stehen wir vor einer dritten Etappe. Wir glauben, dass die Flaute bereits zu Ende ist. Es gibt Unzufriedenheit mit der Regierung, die sich als schwach und mit starken Krisensymptomen erwiesen hat.

 

Es brechen Streiks aus. In Betrieben und Branchen entsteht eine neue Arbeiterführung. Es sieht so aus, als würden Sektoren, die wir während der Wahlkampagne beeinflusst hatten, nun zu uns zurückkehren. Wahrscheinlich entstehen neue Sektoren – noch minoritär- der Arbeiter- und Massenbewegung, die mit dem Peronismus brechen, der seine Krise vertieft; andere kehren schnell ihrem kurzem alfonsinistischem Frühling den Rücken. Das Neue ist: wir beginnen für die Partei die besten Sektoren der Arbeiterklasse zu gewinnen. Und wir verlassen unseren Rückzug mit ungefähr 1500 Kader.

 

Wir können nicht länger in unseren Lokalen eingebunkert verharren. Wir müssen erneut mit allem rausgehen, um auf einer höheren Ebene die tolle Erfahrung zu wiederholen, die wir mit der Eröffnung der Lokale, der Veranstaltung im Lunapark und dem Verkauf von 60000 Zeitungen machten. Wir müssen, korrigiert und erhöht, diese Etappe wiederholen, die wir als brillantesten und großartigsten Teil unserer Geschichte einfordern. Wo wir um Haaresbreite davor standen, uns in eine Partei mit Masseneinfluss zu verwandeln.

 

Es ist sehr normal, dass die großen zum Tod verurteilten Bewegungen vor ihrem endgültigen Verlassen der historischen Bühne noch einmal eine letzte Demonstration ihrer Kraft geben. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass in den letzten Wahlen der Peronismus oder Radikalismus ihre letzte oder vorletzte Vorstellung als Massenbewegung gegeben haben.

 

Dies ist eine Gelegenheit wie wir sie nie zuvor gehabt hatten. Wir sind in einer Etappe, in der wir den Zeitungsverkauf in neuen Betrieben, Stadtteilen, Schulen und Fakultäten vervielfachen müssen und können. Wie der Schatten dem Körper müssen hinter den Zeitungen die Parteiorganismen dort auftauchen, wo wir sie einsetzen. Zuvor waren es die Zeitungen und Stadtteile. Jetzt stehen vor uns die Zeitungen und der Aufbau von Gruppen der Partei und der Jugendorganisation in Tausenden Fabriken, Büros, Schulen, Universitäten und Arbeiterstadtteilen.

 

Die Gruppe der Partei

 

Wir stehen also in einem gewissen Sinn vor einer ähnlichen Aufgabe wie bei der Eröffnung der Lokale. Als wir sie eröffneten, taten wir dies aufgrund einer tiefen soziokulturellen Analyse der Arbeiterklasse. Heute sind mit Überstunden, Fahrzeit usw. fast alle Arbeiter mindestens 12 Stunden außer Haus. Die langen Fahrten, die verlängerten Arbeitstage, die brutalen Arbeiten machen sie fertig. Wir wären keine Marxisten, wenn wir diese Realität übersehen hätten und große Lokale in den Zentren der Orte eröffnet und die Arbeiter dazu aufgerufen hätten, zu ihnen zu kommen. Wir machten das Gegenteil: wir gingen dahin, wo die Arbeiter waren, wo sie lebten, wo sie Samstag abends oder sonntags mit uns reden konnten, ohne dass dies ein zusätzliches Opfer bedeutet hätte. Der Umstand, dass die zentrale Aktivität der Wahlkampf war, war der zweite gewichtiger Grund, dass wir die Organisationsform der Lokale annahmen.

 

Jetzt müssen wir das gleiche machen. Dahin gehen, wo die Arbeiter sind Jetzt geht es nicht darum, in den Stadtteilen Lokale zu eröffnen, obwohl wir sicherlich auch das machen werden. Es handelt sich darum, die Arbeiter grundlegend dort zu organisieren, wo sie kämpfen und wo eine neue Führung entsteht: in den Betrieben. Unsere große Achse ist, Gruppen der Partei in den Betrieben zu organisieren. Wir müssen unsere Organisation unserer Klasse anpassen: wo sie arbeitet, wo sie lebt, wo es für sie bequem ist. Also, dort, wo es auch für uns am bequemsten sein muss. So wird es für uns viel leichter, alle Genossen für die Aktivität zugunsten der Partei zu disziplinieren.

 

Noch bevor wir in der Leitung diese Orientierung beschlossen, gab es bereits einige Genossen, die bereits begonnen hatten, sie zu diskutieren und auszuprobieren. In Somisa de San Nicolas z.B. hatte die Partei zwischen 80 und 100 sehr gefestigte Arbeiter, die Beiträge zahlten, die Aufgaben machten, die wir ihnen vorschlugen, und einige waren Delegierte. Aber jedes Mal kamen weniger zu den Versammlungen im Lokal. Das Geheimnis war, dass sie bis 16 Stunden täglich arbeiteten und ausgelaugt von der Arbeit kamen.

 

Wie viel Militante hatten wir in Somisa? Es gab zwei Kriterien: wenn wir sie in der Fabrik organisierten waren es mehrere Dutzend. Wenn wir sie in den Versammlungen im Lokal zählten, waren es 6 oder 7.

 

Gerade als die Genossen dies diskutierten, lasen wir über die Lage des nordamerikanischen Proletariats. Wir fanden eine Erklärung eines Gewerkschaftsdelegierten von General Motors in Lordstown, die uns interessant und erhellend erschien: „In Wahrheit gibt es keinen 8-Stundentag. Es gibt Arbeitstage von 12 oder 16 Stunden, und das an 6 Tagen in der Woche. Ein soziales Leben ist unmöglich. Das einzige soziale Leben das wir machen können, ist innerhalb der Fabrik“ (New York Times, 19.9.83).

 

Es handelte sich um ein weltweites Phänomen: die brutale Erhöhung der kapitalistischen Ausbeutung. Wir verstanden, was mit unseren 80 oder 100 Genossen in Somiosa geschah: sie kamen nicht zum Lokal, weil sie von der Arbeit ausgelaugt und verdummt waren und sie keine Zeit noch Lust hatten, zu kommen. Sofort verständigten wir uns: die Versammlungen mussten in der Fabrik stattfinden, nicht einmal am Ausgang.

 

Dieses Kriterium müssen wir für den Aufbau der Parteigruppen anwenden: sie dort machen, wo die Kollegen sie machen wollen, in der Fabrik, während der Pause oder im Baderaum, in einem Cafe am Ausgang oder im Stadtteil … Wenn in einer Fabrik die Kollegen sich täglich 15 oder 20 Minuten versammeln, kommen wir in der Woche auf eine sehr gute Versammlung von 2 1/2 oder 3 Stunden. Dort werden die Probleme der Abteilung oder Gewerkschaft diskutiert, wie auch alle Probleme des Klassenkampfs und der nationalen wie internationaler Politik. Und welche außerordentliche Einheit wird diese Parteigruppe haben, da alle Beteiligten gemeinsam täglich arbeiten. Gibt es eine größere Möglichkeit gegen die Bourgeoisie zu kämpfen als hier, in konkreter Form, in dieser Abteilung oder dieser Fabrik? Nur so wird die Partei anfangen, tatsächlich der kollektive politische und gewerkschaftliche Organisator der Arbeitervorhut zu sein.

 

Wenn wir diese Gruppen aufbauen, bilden wir eine echte menschliche Organisation. Dies bedeutet, dass nicht alles gleich sein wird, sondern im Gegenteil sehr verschieden. Keine Gruppe ähnelt der anderen, so wie in einer Schule, in der keine Klasse der anderen gleich ist und kein Schüler dem anderen. Es gibt gute und schlechte Schüler, auch mittelmäßige. Es gibt gute und schlechte Divisionen. Die einen leisten viel und machen wenig Probleme. Andere leisten wenig und machen viel Ärger. Und es gibt die mittelmäßigen, die wenig leisten und wenig Ärger machen. Wir werden gute, mittlere und schlechte Gruppen haben. Einige werden zu Beginn gut sein und dann abbauen. Andere werden die letzten Schlafmützen sein und uns dann schön überraschen. Wenn alle Gruppen durchschnittlich die gleiche Zeitungszahl verkaufen, den gleichen Mitgliedsbeitrag zahlen, die gleiche Verankerung oder gewerkschaftlichen Einfluss haben usw., dann ist etwas sehr merkwürdiges im Gang. Alle sind gleich. Wenn es hingegen tiefe Unterschiedlichkeiten gibt, dann haben wir eine lebendige Partei, die beginnt, ein Teil der Massen zu sein und den wechselnden und vielfältigen Prozess unserer Klasse widerzuspiegeln beginnt.

 

Das einzige was wir von den neuen Gruppen verlangen müssen, ist dass sie für die Partei arbeiten, auch wenn es täglich nur ein bisschen ist. Von hier leitet sich unsere Definition dessen ab, was in der jetzigen Etappe ein Parteimitglied sein muss, die sehr der der m. Internationale ähnelt: „Im allgemeinen müssen alle Parteimitglieder in eine kleine Arbeitsgruppe integriert sein, die auf die tägliche politische Arbeit zielt (. .. ) Die Organisationen der Partei knüpfen die Bande zwischen den verschiedenen Gruppierungen und Mitgliedern mittels der täglichen gemeinsamen Arbeit (. .. ). Im allgemeinen ist es notwendig, um Parteimitglied zu sein, auch den Formalitäten einer Einschreibung nachzukommen, eventuell zuerst als Anwärter, danach als Militant. Es ist notwendig, regelmäßig die festgelegten Mitgliedsbeiträge zu zahlen, die Partei presse zu abonnieren usw. Aber das wichtigste ist die Beteiligung jedes Militanten an der täglichen politischen Arbeit“.

 

Die Zeitung

 

Das große Werkzeug für den Aufbau der Partei und der neuen Gruppen ist die Zeitung. Für unser „nach draußen gehen“ nehmen wir uns einen Sprung in der Stellung der Zeitung vor. Es gibt keine Möglichkeit, Organismen der Partei aufzubauen, die nicht auf der politischen Einheit derer beruhen, die ihr entlang der Parteipolitik angehören. Wir können uns nicht versammeln nur um uns zu versammeln. Wir versammeln uns, um zu handeln.

 

Keine Gruppe kann überleben, die nicht eine konkrete, praktische Aktivität auf den Sektor hat, auf den sie einwirkt. Eine Gruppe in einer Fabrik oder einem Stadtteil trifft sich um zu diskutieren und alle Genossen in der Parteipolitik zu bewaffnen und um zu wissen, was jedes Mitglied am nächsten Tag in der Fabrik oder dem Stadtteil zu tun hat. Wie viel Kontakte haben wir? Wie viel Gewerkschaftsaktivisten respektieren uns und sind bereit, mit uns darüber zu diskutieren, wie die Fabrik zu organisieren ist oder was in der Gewerkschaftsgliederung zu tun ist? Wer übernimmt es mit diesen Kontakten oder Aktivisten zu reden? Was schlagen wir jedem einzelnen vor? Welche Ziele verfolgen wir mit dem Betriebsrat oder Vertrauenskörper? Mit welchen Aktivitäten bringen die nationalen und internationalen Kampagnen der Partei voran? Was kann z.B. in der Fabrik oder Stadtteil für Nikaragua gemacht werden? Und für die Menschenrechte? Und gegen den IWF?

 

Die Versammlung muss auf all diese Fragen antworten und jede Aktivität unter den Mitgliedern verteilen. Der eine redet und gibt die Zeitung diesen oder jenen Arbeiter, die uns mit Sympathie sehen. Der andere, der sehr geschickt bei gewerkschaftlichen Fragen ist, spricht mit den besten Aktivisten und gibt ihnen auch die Zeitung. Ein weiterer, der sich noch nicht traut, in der Fabrik zu reden, aber sehr ordentlich ist, verwaltet die Zeitung und Finanzen und versucht die Zeitung in seinem Stadtteil oder bei Familienangehörigen zu verkaufen. Und alle diskutieren die Zeitung und ihre politischen Kampagnen mit allen Lesern und suchen, wie wir sie gewinnen können, damit sie sich beteiligen oder die Positionen der Partei propagieren. Wenn in der Fabrik kein Gespräch zu Nikaragua gelingt, dann vielleicht im Stadtteil. Aber dort gelingt vielleicht ein wunderbares Gespräch mit den Fabrikkollegen darüber, warum die Außenschuld nicht gezahlt werden darf, wenn wir die Bezahlung einer Lohnerhöhung wollen. Die Möglichkeiten zur Parteiaktivität sind unendlich, aber alle haben einen gemeinsamen Punkt: die Zeitung. Gerade weil die Zeitung der Sprecher der Parteipolitik ist und auf diese Weise all unsere Aktivität organisiert.

 

Aus diesem Grund ist der Aufbau der Partei durch die Stellung der Zeitung vermittelt. Im allgemeinen wird es viel leichter sein, ein Treffen zu machen, wenn die Eingeladenen unsere Politik und Tradition aufgrund unserer Zeitung kennen. Und niemand ist oder wird tatsächlich fur die Partei gewonnen, wer nicht will, dass sie wächst, sich ausdehnt, stärker wird, was mit dem ersten Schritt beginnt, nämlich dass unsere Zeitung von immer mehr gelesen wird.

 

Kaum beginnen wir, schon stehen wir am Rand, einen Fehler zu begehen – und an einigen Orten haben wir ihn bereits begangen: die Versammlungen vor die Erhöhung des Zeitungsverkaufs zu stellen.

 

Wir zerreißen uns, um neue Genossen zu versammeln oder alte wieder zu versammeln, noch bevor wir mit aller Kraft versucht haben, den Zeitungsverkauf zu erhöhen. So wird es uns schwerfallen, die alten zu versammeln und fast unmöglich, die neuen zu gewinnen.

 

Wir müssen es umgekehrt machen. Gehen wir mit allem mit der Zeitung raus. Wir verkaufen wie die Wilden entlang des Aktivitätsrhythmus, aber immer denkend, charakterisierend und die Arbeit planend. Und so werden wir die Kollegen treffen, die manchmal von sich aus, manchmal weil wir sie angesprochen haben, sich anbieten, mehr Zeitungen mitzunehmen, um sie einem Kollegen oder Freund zu verkaufen. Hier entsteht das Rohmaterial, mit dem wir anfangen können, die Equipe aufzubauen. Sobald wir zwei, drei oder vier Kollegen der gleichen Fabrik, Stadtteils, Schule oder Fakultät haben, beginnt die Versammlung sich in eine wirkliche Notwendigkeit zu verwandeln, nicht in etwas von uns Aufgezwungenes.

 

Deshalb geben wir zwei Schlüsselaufgaben grundlegende Bedeutung: den Infoständen und der Betreuung der Leser unserer Zeitung.

 

Die Infostände müssen systematisch sein, Woche für Woche und wenn möglich immer von den gleichen Genossen. Die Arbeiter einer Fabrik müssen sich daran gewöhnen, dass mindestens einmal die Woche die Sozialisten ihre Zeitung vor den Fabriktoren verkaufen. In der jetzigen politischen Lage verwandelt sich unsere Zeitung in einen Referenzpunkt für Sektoren der Arbeiterklasse, auch wenn sie noch nicht mit uns übereinstimmen. Die Anekdoten sind bereits zahlreich von Fabrikabteilungen, die während der Teepause unsere Zeitung kommentieren. Schon gibt es Arbeiter, die darauf warten, unsere Zeitung kaufen zu können. Es sind nicht viele tausend, aber dazu kann es kommen. Wir müssen da sein.

 

Wenn unsere Kräfte nicht ausreichen, um alle Fabriken abzudecken, dann wählen wir die aus, die wir schaffen können. Aber machen wir den Verkauf systematisch. Jede Woche eine andere Fabrik zu bearbeiten nützt uns wenig.

 

In dem Maß in dem die Verbreitung unserer Zeitung zunimmt, muss die Betreuung der Käufern zunehmen. Der Zeitungsverkauf an den Bahnhöfen und Einkaufszentren ist sehr gut, um die Straße zu erobern und die politische Präsenz der Partei zu erhöhen. Aber der wichtigste ist der Strukturelle, wo wir den Namen und wenn möglich die Adresse der Käufern kennen lernen. In den Stadtteilen ist das leichter. In den Fabriken schwerer, aber nicht unmöglich. Deshalb ist es sehr wichtig, dass immer die gleichen Genossen gehen, Vielleicht ist es nicht angebracht, gleich beim ersten Mal den Namen zu erfragen, aber es wäre ein tödlicher Fehler, denjenigen zu unterschätzen, der uns schon das zweite Mal die Zeitung abkauft. Dieser Kollege ist fast sicher schon Sympathisant und ist potentielles Mitglied.

 

Die Zeitung ist also das Werkzeug, das Mittel für den Aufbau der Partei, ihrer Gruppen in den Fabriken und Stadtteilen. Die Aktivität beginnt dort. Logischerweise gibt es eine Dialektik. Wir werden neue Genossen gewinnen, die ihrerseits weitere Zeitungen verkaufen. Wir werden Parteigruppen aufbauen, die sehr viel mehr Zeitungen verkaufen. Aber wie ein chinesisches Sprichwort sagt, jeder tausend Kilometer lange Weg beginnt mit dem ersten Schritt. Und der erste Schritt ist die Zeitung zu verkaufen.

 

Die Kader oder „Leiter“

 

Wie schon gesagt, kann kein Organismus oder Gruppe der Partei bestehen, ohne dass eine ihn zu leitende und bewaffnende fähige Genosse vorhanden ist. Diese Genossen bezeichnen wir als Kadern oder „Leiter“. Konkret heißt das, dass wir so viele Parteigruppen organisieren können wie wir Leiter haben oder gewinnen, die in der Lage sind, diese Aufgabe zu leisten.

 

Die Parteikader nehmen nicht immer den gleichen Platz ein. Viele, die in einer bestimmten Etappe Vorhut bei der zentralen Aufgabe waren gehen in die Nachhut, wenn die Etappe sich ändert und damit auch die zentrale Aufgabe. Bei anderen ist das nicht so, sie bleiben in der Vorhut. Und es tauchen neue Kader auf, die sich für die vorherigen zentralen Aufgaben nicht erwärmten, aber für die neue Aufgabe aufblühen.

 

Jede Änderung der Etappe verlangt eine neue Erprobung und Auswahl der Parteikadern. Mit der jetzigen Etappe beginnt die Erprobung mit dem Verkauf der Zeitung und gipfelt im Aufbau der neuen Parteigruppen. Wir müssen alle Genossen erproben, die sich als Kadern anbieten – und viele die sich nicht anbieten – sei es auch Schüchternheit oder weil wir die Aufgabe schlecht erklärt haben – aber von denen wir gleichwohl denken, dass sie es schaffen können.

 

Dies soll nicht heißen, dass wenn jemand nicht gleich 20 Zeitungen verkauft, er oder sie kein Kader ist. Er kann mit wenig Zeitungen anfangen und sich dann steigern. Es kann sein, dass er persönlich schlecht Zeitungen verkaufen kann aber sehr begabt ist, andere Genossen für den Zeitungsverkauf zu motivieren. Jegliche Kombination ist möglich. Das einzige Gemeinsame muss der Enthusiasmus sein, die Leidenschaft jede Woche den Zeitungsverkauf zu erhöhen. Das politische Verständnis der Notwendigkeit hierzu ist nicht ausreichend. Ohne diese Leidenschaft gibt es keinen möglichen Fortschritt.

 

Noch viel weniger werden wir verlangen, dass schon beim Eintritt eine neue Zelle organisiert wird.

 

Sehr wohl werden wir mehr Leser und ihre Betreuung verlangen. Von hier ausgehend, wie einige gewonnen werden, dass er sie als Militante der Partei zu gewinnen versucht, dass sie beginnen, die Zeitung zu verbreiten oder sonst eine Tätigkeit für die Partei machen, weil sie sich noch nicht zutrauen, die Zeitung zu verkaufen, dass sie anfangen, Beiträge zu zahlen und schließlich wie er es schafft, 4 oder 5 Genossen in einem kohärenten Team zu versammeln. Auch hier darf man nicht schematisch sein: zuerst verkaufen und dann versammeln.

 

Möglicherweise beginnen wir, nachdem wir so oft vor einer Fabrik standen, am Ausgang drei oder vier Kollegen zu versammeln, die mit uns reden wollen, weil sie die Zeitung kaufen aber noch nicht verkaufen. In diesem Fall müssen wir sehr geduldig erreichen, dass diese Versammlung sich in eine neue Gruppe der Partei verwandelt, aus der alle mit einer Aktivität herausgehen und die Zeitung verkaufen. Die Varianten sind unendlich, unsere größte Gefahr ist der Schematismus.

 

Diese werden die Vorhutkader der Partei in dieser Etappe sein. Diejenigen die nach außen gehen, zur Klasse und den Massen. Die zum Lokal gehen, um sich politisch für die Aktivität zu bewaffnen und zu den Fabriken, Stadtteilen, Schulen und Universitäten ausschwärmen. Die fühlen, dass ihr Platz, ihre natürliche Umgebung nicht das Lokal ist, das interne Leben, sondern die Arbeiterklasse oder die Studierenden, was außerhalb der Partei ist.

 

Das bedeutet nicht, dass nur sie Kader sind. Sie sind die Vorhut, der Rahm der Partei in dieser Etappe. Aber Kader sind alle Genossen, die der Partei all ihre Kräfte widmen, die täglich der Parteiaktivität viele Stunden opfern. Kader sind die Genossen, die zwar wenig Zeitungen verkaufen, aber begeistert Wände bemalen und ganze Nächte damit verbringen. Oder die jeden Tag das Lokal in Ordnung bringen, Stühle besorgen oder es ausbessern. Oder der gute Verwalter sind und die Kasse gut im Griff halten und alle Genossen nervt, ihre Beiträge pünktlich zu zahlen oder die Zeitung abzurechnen. Oder die Essen, Lotterien, Fußballspiele organisieren oder sonst wie Geld fur die Partei beschaffen. Oder die gute Zeitungsverkäufern an Bahnhöfen und Einkaufszentren sind, niemanden betreuen oder gewinnen, aber Dutzende Zeitungen verkaufen und die Präsenz der Partei spüren lassen.

 

Oder die uns den Druck garantieren und jeden Moment bereit sind, uns etwas zu drucken. Oder tausend sonstige Aktivitäten.

 

Schließlich gibt es Genossen, die durch ihr eigenes Gewicht Kader sind, weil sie auf einem Spezialgebiet sehr gut sind, auch wenn sie etwas faul sind und sich weniger aufopfern als andere.

 

Ein Kader ist ein großer Gewerkschafts- oder Stadtteilführer, vielleicht etwas undiszipliniert, aber als Führer im Stadtteil oder der Fabrik anerkannt. Auch wer ein guter Propagandist nach außen ist, der der Partei viel nützt, weil er mit Darstellungen alle die ihn hören in seinen Bann zieht. Oder nach innen, wer sehr gute Kurse gibt und so hilft, die Mitglieder zu schulen. Oder andere Varianten wie gute Schriftsteller usw.

 

Die Parteistruktur hierarchisieren

 

Aus dem bisher gesagten folgt deutlich der Unterschied zwischen einem Basismitglied und einem Kader. Einige sind sehr aktiv, zerbrechen sich für die Partei bei jeder Aufgabe den Kopf und/oder spielen im Klassenkampf oder einer spezifischen Aufgabe eine herausragende Rolle. Andere sind Genossen, die ihre tägliche Aktivität an ihrem Arbeits- oder Studienplatz oder im Stadtteil leisten, einige Zeitungen verkaufen und Mitgliedsbeitrag zahlen, aber der Partei noch nicht ihre gesamte Freizeit widmen noch sich durch eine besondere Tätigkeit hervorheben. Viele der Basismilitanten werden mit der Zeit Kader. Ein Teil der Kader hört auf es zu sein. Und auch werden wir bereits geformte Kader gewinnen, die sich in anderen Organisationen entwickelt haben oder vom Klassenkampf selbst ausgebildet wurden. In jedem Fall, werden wir in dem Maß in dem die Partei wächst und Masseneinfluss gewinnt, immer mehr Basismilitanten gewinnen, sehr viel mehr als Kader.

 

In einem Sinn haben Kader und Basismilitanten die gleichen Rechte. Alle haben Parteiorganismen, in denen sie diskutieren und abstimmen können; alle haben die gleiche Stimme um für die Parteikongresse Delegierte zu wählen usw. Aber dies bedeutet nicht, dass die Partei ihre Mitglieder nicht hierarchisiert. Für uns ist ein Genosse, der sich aufopfert, nicht das gleiche wie jemand, der das nicht tut.

 

Der Kader hat andere Bedürfnisse als das Basismitglied. Der Kader sucht in der Partei nicht nur politische Antworten für den Klassenkampf, sondern auch interne Antworten jeglicher Art: organisatorische Linie, theoretische Kurse usw. Wenn wir z.B. in einem Stadtteil einen Genossen gewinnen, der wöchentlich 3 oder 4 Zeitungen zu verkaufen bereit ist und auch seinen Mitgliedsbeitrag zahlt, handelt es sich um einen Basisgenossen. Aber wenn dieser Genosse drei oder vier Leser versammelt und sie dazu bewegt, 15 oder 20 Zeitungen zu verkaufen, verwandelt er sich in einen Kader. Unmittelbar wird er uns um Orientierung für zahlreiche Fragen bitten: Wie die Sitzungen organisieren? Welche Themen diskutieren? Wie einen Bericht über internationale oder nationale Themen oder Aktivitäten abfassen? Welche Aktivitäten den Genossen vorschlagen, die sich versammeln? Der Genosse wird anfangen zu leiten.

 

Aus diesen beiden Elementen, dem Ausmaß der Hingabe an die Partei und den Notwendigkeiten, die diese mit sich bringt, entsteht die Hierarchisierung der Partei. Ein Kader hat mehr Hierarchie als ein Basismilitant. In gleicher Weise hat ein Regionalleiter eine höhere Hierarchie als ein Basiskader, da er für die Gesamtheit der Kader und Mitglieder einer Region handelt und sie zu orientieren trachtet, was ihn vor höhere Probleme stellt: eine Politik für die gesamte Region ausarbeiten, mit ihren Fronten in Gewerkschaften, Stadtteilen oder bei den Schülern und Studierenden; die Gesamtheit der Beziehungen zu den politischen Parteien der Zone verfolgen; die Kurse und Schulungen garantieren; einen Gesamtfinanzplan haben und gewährleisten; einen Apparat zu haben usw. Und was seine wichtigste Aufgabe ist: Kader ausbilden.

 

Und so immerfort nach oben, wo die hierarchisiertesten Genossen sind, die nationalen Leitungskader. Und noch hierarchisierter: die internationalen.

 

Dieser Hierarchisierung ähnelt in einem gewissen Sinn einer Armee, aber ist ihr in einem anderen entgegengesetzt. In der bürgerlichen Armee wird in der Hierarchie bürokratisch aufgestiegen, und dies wird durch die oberste Hierarchie entschieden: dem obersten Kommandeur. Und niemand steigt ab, wenn nicht aufgrund „unehrenhaften Verhaltens“ oder ähnliches. In der Partei gibt es hingegen keine permanenten Hierarchien. Jeder, der nichts leistet, steigt ab, und jeder steigt auf, wenn er etwas leistet. Die Stellung eines Militanten innerhalb der Hierarchie wird mehr oder weniger durch die Leistung für die Partei und den Klassenkampf in jedem Moment bestimmt. Aber außerdem erfolgt die Hierarchisierung demokratisch. Die Basis der Partei, nicht ihre Leitung, bestimmt, wer Delegierter bei den Kongressen wird. Und auf diesen Kongressen wählen diese Delegierten die Leitung.

 

Die Stellung der Militanten wird durch die individuelle Anstrengung und Fähigkeit erworben, aber konkretisiert sich über die Parteiorganismen. Innerhalb der Partei sind ihre Organismen hierarchisiert: das Zentralkomitee ist der Organismus der nationalen Leitungsgenossen, die Regionalleitung der regionalen Leitungsgenossen usw.

 

In der defensiven Etappe des Rückgangs der Partei, die wir gerade hinter uns lassen, versammelten sich in unseren Basisorganen, den Lokalen, die Basisgenossen und Kader, ohne Unterschied. Dies war natürlich, da eingeschlossen in den Lokalen keine großen Unterschiede zwischen ihnen zu erkennen waren. Aber in dieser neuen Etappe ist es unerlässlich, die Kader kategorisch zu hierarchisieren. Wir müssen auf zwei wohlunterschiedene Versammlungen gehen: die der Kader und die der Basiseinheiten. Die Versammlung im Lokal muss von den Kadern und für die Kader sein. Abgesehen von diesem eigenen Treffen müssen sie auch eine privilegierte Behandlung erfahren: internes Bulletin für sie und nicht für alle Militanten, Kurse und Schulungen für sie usw. Die Basismilitanten haben ihre eigenen Versammlungen, in ihren Stadtteilen, Fabriken oder Schulen (und wenn sie wollen, auch im Lokal), unter Leitung von ein oder zwei Kadern.

 

Wie jede kategorische Linie, und mehr noch auf organisatorischem Gebiet, uns zu schweren Fehlern verleiten kann, ist es notwendig, schon im voraus vor ihnen zu warnen. Es wäre ein sehr schwerer Fehler, Genossen von den traditionellen Sitzungen im Lokal zu trennen, weil wir sie nicht als Kader ansehen. Und dies aus mehreren Gründen:

 

  1. Weil unser Schritt nach außen, in Richtung des Aufbaus neuer Basisgruppen der Partei gerade erst am Anfang steht. Es ist sehr schlecht, einen Genossen aus einem Organismus zu holen, wenn noch kein anderer besteht, in den er sich eingliedern kann. Wenn wir dies machen, werden wir viele wertvolle Genossen verlieren.
  2. Da unsere Wendung nach außen noch sehr schwach ist, verfugen wir noch nicht über hinreichende Kriterien, objektive Beweise, um zu entscheiden, wer Kader ist und wer nicht. Wir würden dann die Unterscheidung zwischen Kadern und Militanten im Laboratorium unseres Kopfes vornehmen, statt im Laboratorium des Parteierfahrung und des Klassenkampfs. So werden wir viele potentielle Kader verlieren, die sich entwickeln können, wenn wir sie orientieren und ihnen helfen, die es sein wollen, aber noch nicht sind.
  3. Weil es, wie in jedem Prozess einen Übergang gibt. Die Revolution besteht darin zu erreichen, dass unserer Versammlungen sich in Kaderversammlungen aufgrund ihres Inhalts verwandeln. Die Aktivität wird diskutiert, geplant, abgestimmt und kontrolliert, so als wären alle Kader. Aber niemand wird im vornherein von den Kadersitzungen getrennt. Wer nicht auf der Höhe der Sitzungen ist wird es merken und ganz natürlich zu anderen Sitzungen der Basis gehen, in denen er sich wohler fühlt.
  4. Weil, wie wir später sehen werden, wir sehr schlecht sind in der richtigen Einschätzung der Genossen. Und wir dürfen niemanden als Kader abschreiben, solange wir nicht alle Anstrengungen unternommen haben und alle Varianten, Vorschläge und Anregungen unternommen haben, damit er sich begeistert und irgendeine Kaderaktivität voll übernimmt.

Deshalb muss in dieser Übergangsphase die Hierarchisierung der Genossen aufgrund eines grundlegenden Kriteriums erfolgen: dem Enthusiasmus, der Leidenschaft rur die Aktivität. An erster Stelle die Leidenschaft, die Zeitung zu verkaufen. Und auch die Leidenschaft rur jede andere Aktivität im Klassenkampf und rur den Aufbau der Partei.

 

Die große Aufgabe der Leitung: Einschätzen, Inititiative geben und die Kader und Militanten motivieren

 

Es passiert sehr häufig, dass wir Genossen nicht als Kader charakterisieren, die täglich aktiv sind oder in einem Aspekt der Parteiarbeit brillant sind, nur weil sie die zentrale Aktivität der Partei nicht gut machen: jetzt z.B. den Zeitungsverkauf oder den Aufbau von Parteigruppen. Wir sind gegen diese Praxis. Wenn ein Kader nichts leistet ist es nicht seine Verantwortung sondern die der Regionalleitung, die nicht verstanden hat, ihn in eine Aktivität einzuordnen, wo er etwas bringt, noch ihn für die Aktivität zu begeistern und zu motivieren.

 

Sehr oft passiert es, das wir einseitig sind, formell, schematisch und administrativ. Dass wir beabsichtigen, dass alle Kader und Mitglieder die gleiche Aktivität und in der gleichen Art machen. Und so lassen wir zu, dass wertvolle Genossen nichts leisten oder sich von der Partei entfernen, die für diese Aufgabe nicht geeignet sind oder sich nicht wohl fühlen. Wenn wir z.B. in einer Kaderequipe sehen, dass alle die gleiche Gewerkschaftsarbeit machen, die gleichen Zeitungen verkaufen usw., dann stimmt etwas nicht. Oder wir haben bereits alle anderen Kader vergrault, die andere Merkmale haben, statt sie dort einzusetzen, wo sie etwas bringen. Oder wir erzwingen, dass alle das gleiche machen, und die Mehrheit der Genossen fühlt sich schlecht, unbequem, unter Druck gesetzt und machen nur aufgrund der Disziplin und der Moral weiter und viele steuern auf eine Krise zu.

 

Das gleiche kann sich auf die neuen Parteigruppen ausdehnen, die wir aufbauen. Wenn der Basiskader die Regionalleitung nicht mit einer korrekten Methode arbeiten gesehen hat, wird er diese gleiche bürokratische oder administrative Methode auf die neuen Genossen in den neuen Gruppen übertragen.

 

Dort werden die verhängnisvollen Ergebnisse noch schneller sichtbar, gerade weil sie neu sind und noch nicht das Ausmaß an Disziplin von neuen Kadern erreicht haben. Die Genossen werden einfach denken: „Ich bin nicht für das geeignet, was die Partei von mir verlangt“, und entfernen sich.

 

Die große Aufgabe der Leitung, egal auf welcher Ebene sie sich befindet, der Gesamtpartei, der Region oder der Gruppe, ist es, die Aktivität der Kader und Militanten zu organisieren. Will heißen: sie einzuschätzen, ihnen Initiativen zu geben und sie zu motivieren.

 

Einschätzen bedeutet, die starken und schwachen Punkte jedes Genossen zu entdecken und ihm eine Aufgabe zu geben, die ihnen entspricht. Nicht von den Schüchternen verlangen, vor dem Bahnhof zu agitieren. Nicht von jemandem, der unordentlich ist, verlangen, die gleiche systematische Arbeit zu leisten, wie jemand, dem das liegt. Nicht jemand, der 20 Zeitungen im Stadtteil verkauft und glücklich ist, mit Sofia Clotilde zu plaudern, dazu verpflichten, vor der Fabrik zu stehen, wo er nichts verkauft.

 

Initiative zu geben heißt, nachdem wir festgestellt haben, worin die Stärke von jemandem liegt und wir uns mit ihm auf die zu lösende Aufgabe geeinigt haben, wir ihn dazu bewegen, das gleiche zu denken, etwas vorzuschlagen und Pläne macht. Wir wollen, dass er Selbst Ideen entwickelt. Sicherlich werden sie viel besser sein als unsere. Und wenn sie es nicht sind, soll er seine Erfahrungen machen. Wir müssen uns wie vor der Pest davor hüten, die Aktivität der Genossen zu reglementieren, und ihnen Dinge aufzuzwingen, die uns einfallen und wie sie uns einfallen.

 

Motivieren hat eine doppelte Bedeutung. Erstens, dass der Genosse die Aufgabe gerne macht, sich gut fuhlt, selbst verwirklicht. Dass er sieht, dass er in dem Maß selbst vorankommt, in dem er in der Aktivität vorankommt. Und dass er für die Partei das macht, das er machen will. Zweitens, dass der Genosse sieht, dass seine Aktivität für die Partei nützlich ist, dass seine Meinung gehört wird und für die Partei nützlich sind. Wir sind Spezialisten der Insensibilität. Wir schütten eimerweise kaltes Wasser über Genossen, die glücklich sind, weil sie etwas gemacht haben; wir geben dem keine Aufmerksamkeit, heben vor der Gruppe nicht die Initiative dieser Genossen hervor und beglückwünschen sie nicht wegen dieser Aktivität. Wir helfen ihnen nicht, Schlussfolgerungen zu ziehen und zu sehen, wie besser voranzukommen.

 

Warum? Weil diese Aufgabe sich der „geheiligten Schrift“ des Momentes entzog.

 

Wenn z.B. ein Genosse einen Fußballwettbewerb zwischen den Lokalen oder Fabriken der Region organisieren will, passiert oft folgendes: statt dass wir ihn motivieren und ermuntern, diese Aktivität zu machen und darüber nachdenken, wie wir diese Aktivität für die Partei nutzen können, um die Kameradschaftsbande zu verstärken, informell den Verlauf der Aktivität zu diskutieren, Sympathisanten anzuziehen und mehr in die Partei zu integrieren, über die Lage in der Fabrik zu sprechen usw. denken wir sicher umgekehrt: wir versuchen, ihn abzuhalten, weil dies nicht unmittelbar dazu dient, den Zeitungsverkauf zu erhöhen oder neue Zellen aufzubauen. Dieser Genosse wird nie wieder eine Idee entwickeln, und wenn er sie hat, wird er sie uns nicht vorschlagen.

 

Wie wir sehen, ist diese Aufgabe: zu organisieren, indem wir einschätzen, Initiativen geben und die Genossen motivieren, dass Gegenteil von den administrativen Methoden, die wir häufig anwenden. Für den Administrator ist jeder Genosse eine Ziffer, und das gleiche passiert mit jeder verkauften Zeitung. Es wird ein Bericht abgeliefert: wir haben so und soviel Kader, so und soviel Mitglieder, so und soviel Gruppen und verkaufen so und soviel Zeitungen … und fertig. Für den wirklichen Organisator ist jeder Kader, Gruppe, Mitglied oder Zeitungsleser ein menschliches Wesen und gerade deshalb unterschiedlich, im Gegensatz zu den Ziffern, die alle gleich sind.

 

Nur wenn wir uns so bilden und helfen, alle Kader mit diesen Kriterien zu entwickeln können wir darauf zusteuern, eine Partei mit Masseneinfluss zu schaffen.

 

Ein großes Hindernis: Unser Sektierertum

 

Auf unserem Weg liegt ein großes Hindernis: unser Sektierertum. Unsere Partei war nicht immer sektiererisch. Wir waren es am Anfang, als wir eine sehr kleine Gruppe waren, aber indem wir zur Arbeiterklasse gingen lernten wir, das Sektierertum zu überwinden. Ab da bis zur Bildung der PRT (La Verdad) hatten wir andere Abweichungen. Z.B. waren wir Arbeitertümmler und legten auf die Arbeit unter den Studierenden keinen Wert; schränkten unsere Möglichkeiten sehr ein, revolutionäre Intellektuelle für die Vervielfachung der Kaderbildung zu gewinnen. Das Sektierertum begann, als die Partei mit der PST groß wurde, die sich vor allem aus der studentischen Vorhut speiste, die gegen die Diktatur Onganias kämpfte, und später, schon mit Hunderten und Tausenden, mit der Vorhut, die aus dem Aufstand von Cordoba und mit den Wahlen von 1973 entstand. Schon ab 1973 oder 1973 entdeckten wir ein teuflisches Gesetz: je mehr wir wuchsen, desto sektiererischer wurden wir.

 

Wir hatten Pseudomarxisten gelesen, die über die Totalität der deutschen Sozialdemokratie geschrieben hatten, um zu erklären, warum mit ihr nicht gebrochen werden dürfe oder warum viele Mitglieder mit ihr nicht brechen wollten. Die deutsche Sozialdemokratie war ein Mikrokosmos, eine Welt für sich, die Millionen Stimmen gewann, über Theater, Klubs, Gewerkschaften, Tanzsäle, Bibliotheken und Clubs für sexuelle Befreiung verfugte. In ihnen gab es Antworten auffasst alle Fragen und Bedürfnisse, die eine Person haben konnte. Hier waren während ihrer Blütezeiten auch der Sozialismus, Anarchismus und Stalinismus Mikrokosmen. Sie hatten neben Klubs und Bibliotheken auch Orchester.

 

Diese Mikrokosmen sind in die wirkliche Welt, die schreckliche, feindliche kapitalistische Welt eingebettet. Das Leben in ihnen ist sehr viel schöner als außerhalb: es scheint, als hätten wir den Sozialismus bereits erreicht. Eine zentripetale (zur Mitte gerichtete) Tendenz bildet sich heraus; man möchte innerhalb der Partei leben.

 

Das ist eine verfluchte Tendenz: zu denken, alles sei schon gelöst, wo doch in Wirklichkeit nichts gelöst ist, da die kapitalistische Gesellschaft weiter besteht, sehr lebendig und bereit, mit einem Schlag den Mikrokosmos zu vernichten. Dies widerfuhr der deutschen Sozialdemokratie: Hitler zerstörte sie und ihre Klubs, Bibliotheken und Gewerkschaften.

 

Die gleiche Tendenz entstand bei uns, als wir zu einer Partei mit Tausenden Mitgliedern wurden. Innerhalb der Partei fanden die Genossen einen Mikrokosmos, eine sozialistische Insel innerhalb des kapitalistischen Ozeans. In gewissen Maße stimmt das auch: wir haben eine andere Moral und freie, solidarische, geschwisterliche menschliche Beziehungen, diametral denen außerhalb der Partei entgegengesetzt. Wenn ein Junge und ein Mädchen sich mögen, können sie frei und direkt eine Beziehung eingehen, ohne all die heuchlerischen Regeln zu befolgen, die die bürgerliche Pseudomoral fordert. Ob ein Genosse streikt oder arbeitslos ist, die Partei und ihre Mitglieder sind mit ihm solidarisch…

 

Dies veranlasst dazu, innerhalb der Partei zu leben und nicht in die „feindliche“, unsolidarische Welt zu gehen. Die Parteiversammlungen beginnen attraktiver zu erscheinen als der Klassenkampf Wir benutzen eine eigene Sprache, die niemand versteht, der nicht mindesten einige Monate in der Partei ist. Es ist sehr normal, dass wir in Parteiversarnrn1ungen in Anwesenheit neuer Genossen von „Strukturen“ reden statt von Arbeits- oder Studienplatz oder Wohnort. Wir ziehen eine Parteifete einer Tanzveranstaltung im Arbeiterviertel vor. Wir neigen dazu, mit Parteigenossen zu reden, statt mit Arbeiter von außerhalb.

 

Und so gibt es tausend Beispiele.

 

Schlimmer noch. Wir sind nicht die deutsche Sozialdemokratie. Sektiererisch innerhalb einer Partei mit Millionen Stimmen und Zehntausenden Aktivisten ist schlimm, aber verständlich. Jedoch Sektierer einer Partei mit wenigen tausend Mitgliedern zu sein, die noch nicht einmal Masseneinfluss hat, ist eine Tragödie. Und jedes Mal wenn wir 500 neue Mitglieder gewannen, kam es zu einem erneuten sektiererischen Schub. Statt weiter zu wachsen kümmerten wir uns darum aus den 500 neuen Genossen 500 neue Sektierer zu machen.

 

Das Sektierertum drückt sich, wie bereits gesehen, in der administrativen Weise aus, einzuschätzen und Kadern wie Mitgliedern Aufgaben zuzuordnen. Wir schätzen sie nicht so ein, dass wir ihre Beziehung mit der Gesellschaft und dem Klassenkampfberücksichtigen, also auf die Frage antworten: was kann dieser Genosse oder Genossin in seinem Betrieb, Stadtteil oder Schule? Wir beurteilen ihn in Funktion auf das, was wir für die von der Leitung abgestimmten Aufgaben halten: z.B. alle zum Zeitungsverkauf vor die Fabrik.

 

Aber es drückt sich auch in unseren Beziehungen mit den Erscheinungen und politischen Strömungen der Gesellschaft aus. Aufgrund dieser sektiererischen Tendenz konnten wir keine starke intensive politische Arbeit in Richtung auf die Tausenden neuen ehrlichen und sehr kämpferischen Arbeiter- und Studierendenaktivisten machen, die sich in der JTP, den Montoneros und den klassenkämpferischen Strömungen in der vorangegangenen Etappe zusammenfanden. Für uns war jeder, der nicht zur Partei gehörte oder uns gleich recht gab, ein Kleinbürger, Konterrevolutionär und Feind von uns und der Arbeiterklasse.

 

Von den Tausenden Kämpfern dieser Vorhut konnten wir nur sehr wenige für unsere Partei gewinnen, wenngleich uns diese Bilanz nicht den Blick für den entscheidenden Grund unseres Scheiterns verstellen darf: die überwältigende Stärke des Peronismus.

 

Diese sektiererische Tendenz beginnt sich jetzt in dem Maß, in dem wir wachsen, auszudrücken.

 

Es fällt uns sehr schwer, die Genossen dazu zu bewegen, mit Begeisterung zur Peronistischen Partei, der KP oder Franja Morada (peronistische Studentenverband) zu gehen. Es will uns nicht in den Kopf, dass die revolutionäre sozialistische Partei, die bereits einige Kraft wie wir hat, in allen anderen Organisationen Aktivisten haben muss. Und wenn wir den Dialog mit jemanden von einer anderen Organisation beginnen, dann versuchen wir verzweifelt, ihn schnell und einzeln für uns zu gewinnen, statt zuzulassen, dass er reift, ihn mit Respekt behandeln und seinen eigenen Entwicklungsrhythmus respektieren. Diese sektiererische Tendenz müssen wir bekämpfen. Wenn wir sie nicht besiegen, wird die Partei stagnieren und schließlich schrumpfen.

 

Der Kampf gegen das Sektierertum ist unmöglich, wenn wir nicht eine Sicherheit und absolutes Vertrauen in unsere Positionen und unsere Klasse haben. Wenn unsere Positionen korrekt sind und der Satz von Marx stimmt: „Die Befreiung der Arbeiter wird das Werk der Arbeiter sein“, müssen wir wissen, dass die Mehrheit der Genossen anderer Parteien, mit denen wir bei unserer tägliche Arbeit zu tun haben, früher oder später zu unserer Partei gehören wird. Jeder Arbeiter, Lohnabhängige oder Studierende, der aus dem Volk kommt oder sich fortschrittliche Gedanken macht, wird kommen oder kann zumindest zu unserer Partei kommen. Wenn nicht im nächsten Monat, dann in einem oder zwei oder drei Jahren. Am Ende des Weges werden wir uns treffen, weil der Weg unserer Partei der ist, den letzten ende alle mehr oder minder bewusst suchen und gehen wollen.

 

Wir reden nicht von den alten verschlissenen Kadern in stalinistischen oder gewerkschaftlichen Apparaten oder dem Bodensatz der peronistischen oder radikalen Apparate. Diese haben bereits eigenen Interessen, die sich meistens in Pesos oder Dollars messen lassen. Aber sehr wohl reden wir von denen, die mit ihnen sympathisieren, Mitglieder oder mittlere Kader sind. Weil diese glauben ehrlich, so gegen den Imperialismus oder die Oligarchie kämpfen zu können, oder fur die Freiheiten und gegen die Mörder der Militärdiktatur, fur eine Verbesserung des Lebensstandards oder sogar fur den Sozialismus. Einige können sogar in unserer Partei sein, aber sehen in uns keine Perspektiven, weil wir klein sind, wenige Stimmen bekommen, kein Arbeiterstaat uns unterstützt …

 

Unsere Partei hat alles gemeinsam mit diesen Genossen. Wir wollen das gleiche was sie wollen.

 

Wir betrachten sie nicht als unsere Feinde, weil sie in einer anderen Organisation sind oder gegen Parteien überhaupt sind. Feinde von uns, von der Arbeiterklasse und der Revolution, sind ihre Parteien und Führer, aber nicht sie. Sie sind unsere Kampfgenossen. Stellen wir uns einen stalinistischen Jugendlichen vor, voller Fragen. Er ist in der KP, weil er glaubt dass sie die beste linke Partei ist die am linksten ist. Oder er hat bereits bemerkt, dass sie nicht ganz so links ist, aber als einzige positive Ergebnisse hervorbringen kann. Oder er ist dort, weil die KP Nicaragua verteidigt. Wenn wir Vertrauen in unsere Klasse haben, in unsere Kampfgenossen, dann ist für uns dieser stalinistische Jugendliche wunderbar. Er ist ein fester Kandidat, um mit uns in unserer Partei aktiv zu sein, sobald er die Erfahrung mit seiner gemacht hat… Aber nur dann, wenn wir mit ihm nicht sektiererisch sind.

 

Was würde ein Sektierer diskutieren? Dass der Stalinismus die spanische Revolution verraten hat, dass die argentinische KP die Militärdiktatur Videlas unterstützt hat, dass der italienische König Victor Emanuel m Stalin einen Orden geschenkt hat, dass Stalin die chinesische Revolution verraten hat. Dieser Junge weiß weder, wer Victor Emanuel noch wer Tschiang Kai Tschek war. Vom spanischen Bürgerkrieg kennt er nur die Lieder. Und über die Politik der KP zu Videla ist er nicht überzeugt, weil er andernfalls schon längst mit ihr gebrochen hätte.

 

Ein Nichtsektierer beginnt damit, klare politische, aber brüderliche Beziehungen zu haben und schlägt ihm die Aktionseinheit vor. Klarheit: wir sind vollkommen gegen die Politik deiner Führung.

 

Brüderlichkeit: wir sind Kämpfer der Arbeiterklasse und du bist für mich ein Kampfgenosse. Aktionseinheit: Worin können wir gemeinsam arbeiten? Machen wir etwas gemeinsam zu Nikaragua? Unterstützen wir gemeinsam einen Streik? Kämpfen wir gemeinsam gegen den Ausschluss deines Mitschülers aus der Schule, der rausgeworfen wird, weil er „Que pasa?“ (Zeitung der KP) verkauft hat? Wenn wir als Sektierer kommen, wird dieser Junge uns für Pedanten halten, Schwätzer, die niemanden gewinnen, die nur diskutieren, die Diskussionen gewinnen wollen (was in diesem Fall stimmen würde). Es ist ein schwerer Defekt. Niemals gibt ein revolutionärer Sozialist den Eindruck, er wolle eine Diskussion gewinnen. Immer versucht er zu zeigen, dass er praktische Übereinstimmung will, damit die Arbeiter- und Massenbewegung vorankommt.

 

Aber um dies zu tun, muss man Vertrauen in diesen stalinistischen Jugendlichen haben. Wir müssen uns selbst sagen: ‚was für ein wunderbarer Junge. Die Stalinisten haben ihn gewonnen, aber ich werde fähiger sein als sie. “ Wir ärgern uns nicht, wir stürzen uns nicht in die Polemik. Sehr wohl diskutieren wir ständig, aber auf der Woge der Vorschläge über die gemeinsame Aktion. Früher oder später wird der historische Prozess zu unseren Gunsten verlaufen und den stalinistischen Jugendlichen in unsere Reihen bringen.

 

Und reden wir nicht über das schreckliche Sektierertum, wenn wir die Diskussion mit den Hunderttausenden Arbeitern der peronistischen Basis gewinnen wollen, den Hunderten Arbeitern, die Alfonsin Anhänger sind, Sympathisanten der KP, IMP usw., mit denen wir täglich bei unserer Aktivität zu tun haben.

 

Mitgliedergewinnung und die opportunistische Gefahr

 

Nur wenn wir das Sektierertum überwinden können wir unser großes Ziel erreichen: Mitglieder für die Partei zu gewinnen. Die Kehrseite des Sektierertums ist der Opportunismus: wir treten nicht als MAS auf. Wir machen es nur, wenn der Genosse schon der Partei nahe steht. Wenn er bei einer anderen Partei ist oder uns sagt, dass er von Parteien nichts wissen will, setzen wir uns politisch nicht auseinander und geraten in konfuse, unklare Beziehungen oder sogar direkt in Abweichungen. Z.B. machen wir mit einem Gewerkschaftsmitglied nur Syndikalismus. So können wir niemanden gewinnen.

 

Wie gewinnen wir jemanden? Sehr einfach: jeder Person, die wir gewinnen wollen, sagen wir: „Schau, ich will, dass du in die Partei eintrittst“. Überall wo wir hinkommen, fugen wir hinzu, kaum dass wir gegrüßt haben: “Ich bin von der MAS“. Wir dürfen uns nicht schämen zu sagen, dass wir von der MAS sind noch die Zeitung anzubieten oder um Geld für die Partei zu bitten. Viele werden zu unserer Überraschung antworten: „Darauf habe ich bereits gewartet, dass du mir die Zeitung anbietest oder mich zu deiner Partei einlädst. Lehnt jemand ab dürfen wir genauso wenig Sektierer sein. Wir werden weiterhin brüderlich wie immer sein und jeden Monat erneut fragen: “Bist du sicher, dass du nicht in die Partei eintreten willst?

 

Diese antisektiererischen und antiopportunistischen Reflexe in der Partei zu schaffen ist grundlegend. Der Reflex, jedem, mit dem wir zu tun haben uns als Mitglied der MAS darzustellen und die Zeitung anzubieten. Alle müssen wissen, dass wir von der MAS sind und sie für die MAS gewinnen wollen.

 

Vor kurzem gab es einen großen Streik, an dem die Partei mit aller Kraft teilnahm und ihn leitete. Während des gesamten Streiks haben wir die permanente Versammlung der Arbeiter bei der Streikküche vernachlässigt und machten keine Propaganda, Kurse und Gesprächsrunden der Partei. Niemand sagte: “Kollegen, wer euch mit aller Kraft unterstützt ist meine Partei, ich spreche im Namen meiner Partei und schlage vor, in sie einzutreten. Der Leitungsgenosse, der hinkam gab Kurse und hielt Reden, aber erschien wie etwas geheimnisvolles: alle wussten, dass er von der MAS war, aber der einzige, der nicht sagte, dass er von der MAS ist war er. Wir diskutierten mit ihm und sagten ihm: “Man gewinnt Mitglieder, indem … man sie gewinnt. Am nächsten Tag sagte er in dem Kurs: „Schaut, Kollegen, ich gebe diese Kurse, weil ich von der MAS bin, und offen gesagt ist meine Absicht, euch alle für meine Partei gewonnen zu haben, wenn der Kurs zu Ende ist. Die Antwort war: „Seit langem haben wir darauf gewartet“… Dies war die erste große Mitgliedergewinnung, die wir in letzter Zeit gemacht haben.

 

Wir müssen diesen Reflex erreichen, wie die KP oder die PJ, die als erstes fragen: Bist du Mitglied? Nein? Dann werde Mitglied“ Der Stalinismus fügt hinzu: „Dann komm in unser Lokal, triff dich mit uns. “ Wir müssen diese gleiche Leidenschaft haben: für die Partei zu gewinnen.

 

Hierzu müssen wir geschickt sein. Erreichen, dass die Leute uns vertrauen, sich mit uns wohl fühlen. Sie nicht überfrachten. Nicht im Befehlston reden. Weil häufig kommt es vor, dass wir zunächst schüchtern sind und dann, wenn wir doch den Eintritt vorschlagen, beginnen wir, ihn zu verfolgen. Wir versuchen nicht zu erkennen, ob er wirklich eintreten will, etwas für die Partei machen möchte oder nicht.

 

Häufig treten Genossen nicht ein, oder verlassen die Partei wieder, weil wir sie mehr beanspruchen als die Zeugen Jehovas. Er stellt nicht fest, dass wir entsprechend dem handeln, was er will und denkt, statt entsprechend dem, was wir wollen und denken.

 

Wenn jemand nicht davon überzeugt ist, dass die Auslandsschulden nicht gezahlt werden dürfen, dann diskutieren wir und diskutieren. Wir sollten es umgekehrt machen: suchen wir ein anderes Thema, vielleicht greift die Frage der Menschenrechte, oder wie die Bürokratie gestürzt werden kann, oder weil er sieht, dass wir gegen Alfonsin kämpfen und er Alfonsin hasst, weil er US-Agent ist. Und er kann ein hervorragender Parteigenosse sein, auch wenn er noch eine Zeitlang in allen Sitzungen damit nervt, dass die Auslandsschulden gezahlt werden müssen, da die Zahlung von Schulden eine Frage der Ehre ist.

 

Viele Genossen wollen nicht zur Partei oder auf ihre Versammlungen kommen. Da sie uns respektieren oder unsere Freunde sind winden und wenden sie sich um uns nicht nein zu sagen. Im Grunde wollen sie, dass wir ihnen sagen, dass wenn sie nicht kommen wollen, sie nicht kommen brauchen und wir weiterhin genauso gute Freunde und Genossen sind wie bisher. Auch das kriegen wir nicht hin. Wir gehen immer von einem Pol zum anderen: entweder haben wir eine fürchterliche Angst, sie zur Partei einzuladen oder wir überfrachten sie in unerträglicher Weise damit einzutreten.

 

Das andere was wir nicht beherrschen, ist ganze Gruppen zu gewinnen. Wenn wir mit einer Gruppe in Kontakt treten verfallen wir ebenfalls in beide Extreme: entweder wollen wir sie einzeln, individuell gewinnen oder wir schlagen der Gruppe in ihrer Gesamtheit nicht vor, in die Partei einzutreten, oder wir begehen beide Fehler gleichzeitig.

 

Wenn wir individuell beispielsweise aus einer Gruppe von 5 oder 6 Arbeiter gewinnen wollen, die sich am Werktor mit uns treffen und die Zeitung kaufen, weil sie sehen, dass wir sie gegen die Unternehmer und die Bürokratie unterstützen, dann zerstören wir die Gruppe. Wir gewinnen einen, aber die Gruppe spaltet sich. Früher oder später merkt die Gruppe, dass einer von ihnen sich getrennt mit der Partei trifft. Sie verstehen nicht weshalb. Misstrauen taucht auf. „Warum werden wir nicht alle eingeladen? Warum trefft ihr euch hinter unseren Rücken? Wollt ihr uns nicht ausnutzen, ohne dass wir es merken? Mit einer solchen Klima können wir schon niemanden mehr gewinnen.

 

Aber häufig verfallen wir auch in das andere Extrem: aus Angst zu verlieren, versuchen wir nicht die gesamte Gruppe zu gewinnen. Wir denken: Wenn ich es jetzt vorschlage, werden von den 5 oder 6 Kollegen nur zwei oder drei akzeptieren. Besser warte ich noch eine Zeitlang, bis alle reif sind.

 

Häufig verlieren wir dann alle.

 

Wir haben von den Genossen der nordamerikanischen Socialist Workers Party gelernt, dass man nie gewinnt ohne zu verlieren. (Übrigens ein Beispiel für die Wichtigkeit einer Internationale: unter anderem lernt man viel). Es gibt eine Gelegenheit zu gewinnen, wie bei jeder Sache. Jede Person und jede menschliche Gruppe durchläuft einen Prozess. Wenn sie sich der Partei annähern und wir sie nicht rechtzeitig packen, dann entfernen sie sich wieder oder, seltener, bleiben im luftleeren Raum schweben. Aber innerhalb der Gruppe haben nicht alle die gleiche Dynamik noch reifen sie mit der gleichen Geschwindigkeit, um gewonnen werden zu können. Wir müssen den Mut und die Gelassenheit haben zu wissen, dass wenn wir der Gruppe vorschlagen, sie gewinnen zu wollen, wir etwas verlieren werden.

 

Wenn wir eine Gruppe von fünf Kollegen haben, wählen wir den Moment, ihnen den Eintritt in die Partei vorzuschlagen und sagen uns: „Es gibt fünf Ich schlage ihnen vor, in die Partei einzutreten.

 

Verliere ich nur einen, ist es ausgezeichnet. Verliere ich zwei, ist es auch gut. Verliere ich drei, ist es schon schlecht, aber besser als nichts; nur zwei zu gewinnen ist keine Katastrophe. Das Problem ist am Ende: ich werde die Lage klären“. Danach müssen wir in aller Ruhe eine Bilanz ziehen um zu lernen. Wir wollten vier gewinnen und haben nur zwei gewonnen. Warum? Waren wir zu eilig? Haben wir den besten Moment verstreichen lassen und zu spät den Vorschlag eingebracht? Hatten wir die Kollegen falsch eingeschätzt? Haben wir die politische Arbeit nicht gut geleistet? Handelte es sich lediglich um gewerkschaftliche oder freundschaftliche Beziehungen? Usw. … So lernen wir, und beim nächsten Mal machen wir es besser.

 

[1] Grenzstreit zwischen Chile und Argentinien

 

[2] Partido Intransigente, eine radikaldemokratische, kleinbürgerliche Partei, vielleicht mit den Grünen, allerdings ohne ökologischen Schwerpunkt, vergleichbar

 

[3] Linke Abspaltung der peronistischen Parteijugend, die vor dem Militärputsch den Guerillakampf mit tausenden Bewaffneten aufnahm aber später ausradiert wurde

 

[4] Gerechtigkeitspartei; offizieller Name der peronistischen Partei

 

[5] Argentinien war vor allem aufgrund enormer Fleischlieferungen an die Alliierten nach dem 2. Weltkrieg eines der reichsten Länder der Welt.