KRD: „Einheitsfront-Taktik (frei nach Trotzki)“

 

Einheitsfronttaktik (Für die aktuelle Zeit überarbeitet)

 

1)

Unser Ziel besteht darin, in der Protestbewegung eine führende Rolle zu spielen.

Um die Protestbewegung in der Stärkung ihrer Kampffähigkeiten gegenüber das System zu unterstützen und eine Änderung der Kräfteverhältnisse umsetzen, müssen wir uns auf die überwältigende Mehrheit stützen.

Wenn wir diese Mehrheit nicht haben, müssen wir darum kämpfen, sie zu bekommen.

Wir können diese Mehrheit nicht erreichen, wenn wir keine völlig unabhängige Organisation sind, die über ein klares Programm verfügt und eine sehr ernsthafte innere Disziplin. Deshalb mussten wir uns sowohl ideologisch wie organisatorisch von der SPD, von der PDS und von allen trennen, die die protestierenden Masse weder auf diese Arbeit vorbereiten können noch wollen und die sich dieser Arbeit durch ihr ganzes Verhalten widersetzen.

 

2)

Wir kämpfen darum, die Mehrheit von unseren Positionen zu überzeugen.

Dieser Kampf kann schneller oder langsamer vonstatten gehen. Aber es ist offensichtlich, dass auch die Massenproteste der Gesellschaft immer stärker werden und die größeren Auseinandersetzungen noch stattfinden werden.

Die Konflikte zwischen den Studenten, der Lohnabhängigen und dem Kapital, der Bourgeoisie und letztendlich dem Staat, entwickeln sich ständig aufgrund der Initiative der einen oder anderen Seite.

In diesen Konflikten, gleichgültig ob sie die Lebensinteressen der gesamten Bevölkerung betreffen oder nur die eines Teils der Bevölkerung, spüren die Massen der Lohnabhängigen und Arbeitslosen, der Studenten und Jugendlichen, eben alle, die Notwendigkeit der Aktionseinheit, die Einheit in der Defensive gegen den Angriff des Kapitals, wie auch die Einheit in der Offensive gegen diesen.

Die Parteien oder Gruppen, die sich diesem Bestreben der Bevölkerung nach Aktionseinheit mechanisch entgegengestellt, werden im Bewusstsein der Protestbewegung nicht ernst genommen.

Die Frage der Einheitsfront ist also, weder ihrem Ursprung noch ihrem Wesen nach, eine Frage der Beziehungen zwischen uns Revolutionäre und PDS und/oder SPD – Parlamentsfraktionen, zwischen den Führungen der einen und der anderen Partei oder Gruppe, zwischen den Zeitungen der einen und der anderen Partei oder Gruppe.

Das Problem der Einheitsfront ergibt sich aus der Verantwortung, welche die Bewegung zur Aktionseinheit im Kampf gegen das Kapital zwingt, trotz der gerade in der gegenwärtigen Zeit fatalen Spaltungen der politischen Organisationen, welche die Unterstützung von Teile der Bewegung haben.

Für diejenigen, die das nicht verstehen, sind wir nur eine Propagandagesellschaft und keine Organisation der Massenaktion.

 

3)

In den Fällen, wo wir eine numerisch unbedeutende Minderheit darstellen, hat die Frage unserer Haltung zur Einheitsfront gegen das Kapital keine entscheidende Bedeutung.

Aber dort, wo wir eine politische Kraft darstellen, ohne bereits entscheidendes Gewicht zu haben, sagen wir ein Viertel oder ein Drittel des Protestes im Kampf gegen das Kapital, dort stellt sich die Frage der Einheitsfront in aller Schärfe.

Wenn wir ein Drittel oder die Hälfte des Protestes darstellen, folgt daraus, dass die andere Hälfte oder die anderen zwei Drittel entweder unorganisiert sind oder den reformistischen Organisationen (SPD) oder Organisationen, die aus dem bürokratischen Stalinismus herkommen (Linkspartei/PDS, DKP) angehören.

Aber auch diese Massen sind ebenso wie die unsere Anhänger interessiert an der Verteidigung besserer materieller Lebensbedingungen und an größeren Kampfmöglichkeiten.

Es ist daher notwendig, unsere Taktik so anzuwenden, dass wir nicht als Hindernis für die alltäglichen Kämpfe erscheinen – und es vor allem nicht tatsächlich sind.

Wir müssen mehr als das tun: Wir müssen die Initiative ergreifen, um die Einheit dieses alltäglichen Kampfes zu gewährleisten. Nur so können wir uns den beiden anderen Dritteln annähern, jenen, die nicht mit uns gehen und noch kein Vertrauen in uns haben. Nur auf diese Weise können wir sie gewinnen.

 

4)

Wenn wir nicht den vollständigen und entschiedenen Bruch mit den Sozialdemokraten und den bürokratischen Strukturen auch innerhalb der PDS/dieLinke durchführen, so werden wir niemals die Chance bekommen, eine Organisation für den Protest der Arbeiter, Studenten und Arbeitlosen zu werden.

Wir wären dann für immer wie die anderen Gruppen ein Sicherheitsventil der bürokratischen Organisationen und letztendlich der bürgerlichen Staates.

Das nicht zu verstehen, heißt, den ersten Buchstaben des Alphabets für den Kampf auf der Strasse nicht zu kennen.

Wenn wir nicht versuchen, die organisatorischen Mittel zu finden, die in jedem gegebenem Moment gemeinsame, abgestimmte Aktionen zwischen den kämpferischen und nicht kämpferischen Massen (PDS und Sozialdemokraten eingeschlossen) möglich machen, so würden wir dadurch unsere Unfähigkeit beweisen, die Mehrheit der Bewegung durch Massenaktionen zu gewinnen.

Wir würden zu einer Gesellschaft für Propaganda degenerieren und uns niemals zur Organisation des Kampfes entwickeln.

Es genügt nicht, uns von den Bürokraten oder von der SPD zu trennen und sie dann durch die Organisationsdisziplin zu verbinden; es ist notwendig, dass unsere Strukturen und Organisationen lernen, alle kollektiven Aktionen der Bewegung in allen Situationen seines Lebenskampfes zu führen.

Das ist der zweite Buchstabe des Kampfsalphabetes.

 

5)

Erstreckt sich die Einheitsfront bloß auf die Bewegung oder umfasst sie auch die opportunistischen Führer?

Diese Frage beruht auf einem Missverständnis.

Wenn wir in der Lage wären, die Masse der Bewegung auf unsere Positionen zu vereinigen und wir die Organisationen oder Parteien die den Kampf bremsen, oder die Bürokraten beiseite schieben könnten, so wäre das gewiss die Beste aller Sachen. Aber dann würde sich die Frage der Einheitsfront nicht einmal in ihrer aktuellen Form stellen.

Die Frage der Einheitsfront stellt sich deswegen, weil noch sehr wichtige Teile der Protestbewegung gegen das Kapital, in Organisationen sind oder Organisationen unterstützen, die den Kampf bremsen. Ihre gegenwärtige Erfahrung reicht noch nicht aus, damit sie diesen den Rücken kehren und zu uns kommen.

Es ist möglich, dass im Gefolge der Massenaktionen, die auf der Tagesordnung stehen, in dieser Hinsicht ein großer Wandel eintritt. Die vom Angriff des Kapitals betroffenen Menschen sind noch in mehrere Gruppen gespalten: Eine dieser Gruppen, die Kämpferische, tendiert zu sozialen grundlegenden Änderungen und unterstützt daher jede Bewegung, und sei sie auch noch so klein, der gegen die Ausbeuter und den bürgerlichen Staat ist.

Eine andere Gruppe, die SPD oder der PDS/dieLinke (z.B. in Berlin), tendiert zum Frieden mit der Bourgeoisie. Sie sind aber, um nicht ihren Einfluss zu verlieren, dazu gezwungen, gegen den Willen ihrer Führer partielle Bewegungen gegen die Ausbeuter und den bürgerlichen Staat zu unterstützten.

Wir dürfen uns solchen Aktionen nicht widersetzten, sondern wir müssen im Gegenteil die Initiative ergreifen, da je größer die Protestbewegungen werden, desto schärfer und sicherer wird das Bewusstsein über ihre eigenen Kraft und Stärke. Die aktiven Menschen werden weiter vorangehen und radikaler werden, ganz gleichgültig, wie bescheiden die anfänglichen Kampfparolen gewesen sein mögen.

Das heißt auch, dass die Ausweitung der Bewegung den kämpferischen Charakter verstärkt und günstigere Bedingungen schafft, für die Parolen, die Kampfmethoden und im allgemeinen für die Führung der Revolutionäre.

Die SPD und alle Bürokraten haben vor dem potentiell radikalen Schwung der Massenbewegung Angst; die parlamentarischen Tribünen, die Büros der Gewerkschaften, die Schlichtungsdiskussionen, die Vorzimmer der Ministerien, das sind ihre bevorzugten Arenen.

Im Gegensatz dazu sind wir daran interessiert, die Sprücheklopfer im Parlament oder anderswo, und überhaupt alle Bürokraten aus ihrer Passivität zu holen und sie an unserer Seite an die Front der kämpfenden Menschen zu stellen. Mit einer guten Taktik kann das nur zu unserem Vorteil sein.

 

6)

Die Einheitsfront setzt also von unserer Seite die Entscheidung voraus, innerhalb gewisser Grenzen und zu genau festgelegten Punkten, unsere Handlungen mit den reformistischen oder mit bürokratischen Organisationen abzustimmen, weil diese heute noch den Willen bedeutender Teile der Bewegung repräsentieren.

Aber, haben wir uns nicht von solchen Organisationen getrennt?

Ja, weil wir mit ihnen in allen grundlegenden Fragen, die sich der Protestbewegung stellen, verschiedener Meinung sind.

Und trotzdem suchen wir die Einheit mit ihnen?

Ja, jedes Mal, wenn die Menschen, die ihnen folgen, bereit sind, mit den uns folgenden Menschen gemeinsam zu handeln und deren Apparat oder deren passive Anführer mehr oder weniger gezwungen sind, sich zum Instrument dieser Aktion zu machen.

Ja aber, werden sie nicht sagen, dass wir jetzt, nachdem wir uns von ihnen getrennt haben, sie brauchen?

Ja, ihre Sprücheklopfer können das sagen und einige von uns können sich dabei erschrecken. Was aber die große Masse betrifft, selbst jene, die uns nicht folgen, die unsere Ziele nicht verstehen, aber die sehen, dass parallel zwei oder drei Organisationen bestehen, so werden diese Menschen aus unserem Verhalten die Schlussfolgerung ziehen, dass wir trotz der Differenzen mit allen unseren Kräften den Protestierenden die Einheit der Aktion erleichtern wollen.

 

7)

Die Politik der Einheitsfront enthält keine Garantie dafür, dass in allen Aktionen tatsächlich Einheitlichkeit erreicht wird.

Im Gegenteil, in zahlreichen Fällen, vielleicht sogar meistens, wird ein Abkommen zwischen den verschiedenen Organisationen nur zu Hälfte oder überhaupt nicht erreicht. Es ist aber notwendig, dass sich die kämpfenden Massen immer davon überzeugen können, dass die Aktionseinheit nicht aufgrund unserer starren Haltung, sondern wegen des Mangels an echtem Kampfwillen bei den anderen Parteien gescheitert ist.

Wenn wir Abkommen mit anderen Organisationen schließen, legen wir uns zweifellos eine gewisse Aktionsdisziplin auf. Aber diese Disziplin kann keinen absoluten Charakter haben. Wenn die anderen Parteien den Kampf sabotieren, indem sie den Absichten der protestierenden Menschen entgegenarbeiten, so behalten wir uns das Recht vor, die Aktionen bis zum Ende zu führen, ohne unsere zeitweiligen Halbverbündeten als unabhängige Organisation.

Eine neuerliche Verschärfung der Kämpfe zwischen uns und den anderen Parteien könnte das Ergebnis sein. Aber das wäre nicht einfach eine Wiederholung der gleichen Ideen in einem geschlossenen Kreis, sondern es hieße -wenn unsere Taktik gut ist- dass wir unseren Einfluss auf neue Bereiche der Lohnabhängigen ausgedehnt haben.

Wir haben mit den SPD und mit den Bürokraten gebrochen, um die Freiheit zu haben, die Verräterei, die Intrigen, die Unentschiedenheit des Opportunismus in der Bewegung zu kritisieren.

Jede Übereinkunft, die unsere Freiheit der Kritik und Agitation einschränken würde, wäre für uns inakzeptabel. Wir nehmen an der Einheitsfront teil, aber können uns in gar keinem Fall in ihr auflösen. Wir operieren dort wie eine unabhängige Division.

Gerade in der Aktion müssen sich die Menschen davon überzeugen, dass wir besser als andere für ihre Interessen kämpfen, dass wir die Dinge klarer sehen, dass wir mutiger und entschlossener sind. So werden wir wachsen und in der Lage sein, Änderung in dieser marode Gesellschaft zu wirken.